Dienstag, 29. September 2015

[Rezension] Jennifer Wolf: Morgentau - Die Auserwählte der Jahreszeiten

Autor: Jennifer Wolf
Genre: Romantik, Fantasy, Utopie?
Freigabe: Jugendbuch (ab 14 Jahren)
Erschienen: 06.03.2014
Seiten: 233
Einband: Taschenbuch
Verlag: Carlsen (Impress)
ISBN: 978-3-646-60016-2
Preis: 4,99€

Rating: 


Klappentext

Die Erde liegt unter einer Schneedecke. Eis und Kälte herrschen überall, nur ein kleiner Fleck ist noch bewohnbar. Dort lebt auch Maya Morgentau. Von der Erdgöttin Gaia wurde sie dazu auserkoren, das Gleichgewicht der Natur aufrechtzuerhalten und einen ihrer Söhne für ein Jahrhundert an sich zu binden: den Frühling, den Sommer, den Herbst oder den Winter. Doch hat sie sich für einen entschieden, zahlt sie einen hohen Preis dafür.

Inhalt

"Die Erde liegt unter einer dicken Schneedecke, Eis und Kälte herrschen überall. Nur noch ein kleiner Landfleck ist bewohnbar, wo die Erdgöttin Gaia die letzten ahnungslosen Menschen angesiedelt hat. Hier lebt auch Maya Jasmine Morgentau, eine der göttlichen Hüterinnen. Alle hundert Jahre wird unter ihnen eine Auserwählte dazu bestimmt, das Gleichgewicht der Natur aufrechtzuerhalten. Sie darf die vier besonderen Söhne der Gaia kennenlernen, den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter. Für einen muss sie sich entscheiden und sich ein Jahrhundert an ihn binden. Doch jeder der Söhne hat seine Stärken und Schwächen. Sollte Maya die Auserwählte werden, für wen würde sie ihr Leben hergeben?" - Quelle: Verlag

Cover  

Es war vielleicht keine Liebe auf den ersten Blick, aber inzwischen ist es definitiv Liebe! Wie ihr sicherlich wisst, habe ich grundsätzlich erst einmal Vorurteile gegen Fotocover, im Falle Morgentau hat sich mein Unmut aber sehr schnell verflüchtigt: Das abgebildete, rothaarige Mädchen trifft meine Vorstellung der Protagonistin Maya Morgentau wie die Faust aufs Auge. Rote Locken, helle Haut, ein weißes (oder doch eisblaues?) Kleid, inmitten eines Kirschbaumblütensturms - die gesamte Komposition strahlt nicht nur Glückseligkeit und Ruhe aus, sondern es ist auch noch wunderschön anzuschauen; geradezu ein Bild für die Götter. Wir kennen nun also die Protagonistin, der Rest bleibt trotzdem noch unserer Fantasie überlassen. Das mag ich sehr gern. 5/5 Punkten!

Charaktere  

Maya Morgentau: Zuerst dachte ich, Maya sei für meinen Geschmack vielleicht etwas zu perfekt, zu unfehlbar, zu ... fernab von meiner Realität. Aber je mehr Zeit ich mit ihr verbracht habe, desto mehr konnte ich mich mit ihr identifizieren. Beim Lesen fühlt sie sich an wie eine zarte Blume, die man unbedingt erhalten muss und so geht es sicherlich auch den Söhnen Gaias, als sie Maya das erste Mal begegnen. Sie ist gutherzig und fromm, was hauptsächlich von ihrer guten Erziehung herrührt, die sie im Orden der Göttin genießen durfte, bevor sie zur Auserwählten wurde. Genauso wie die Tatsache, dass sie noch nie viel mehr Kontakt zu Männern hatte, als bloß ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Und dann sollte sie sich gleich zwischen vier geradezu perfekten Vertretern dieses Geschlechts entscheiden? Auf jeden Fall eine Herausforderung für sie. Und genau so stellt sie sich auch an: manchmal tollpatschig, manchmal genau richtig, an den richtigen Stellen dickköpfig und selbstbewusst. Nur an einer Stelle ... jah, an dieser einen Stelle ... macht sie den größten Fehler ihres Lebens und ich konnte nichts anderes denken als: "Maya Morgentau, wenn ich in dieser Geschichte wäre, würde ich dir - bei der Göttin! - den Hals umdrehen." Mit Unverständnis und Herzklopfen habe ich auf die Zeilen gestarrt und von diesem grausamen Wendepunkt an mit ihr gelitten, mit ihr gezittert, mit ihr gehofft und mit ihr geweint. So etwas habe ich selten erlebt! Ich ziehe meinen Hut!

Jesien: Der Herbst - er ist wunderbar! Mein persönlicher Favorit unter den Söhnen der Gaia, weswegen ich ihn auch zuerst nennen will (nicht böse sein, Nevis!). Wie man es vom Herbst eben erwartet, bringt er Trauben dazu, zu reifen, und Blätter dazu, sich zu verfärben. Deswegen wundert es kaum, dass die Verkörperung dieser Jahreszeit die meiste Zeit mit der Nase in einem Weinglas hängt. Trotzdem ist er dabei niemals so betrunken, als dass er nicht bereit wäre, Maya mit einem Lächeln, einer Umarmung oder aufmunternden Worten beizustehen. Oft durchschaut er die Situation, bevor es die Protagonisten tun und er hat auch immer die besten Einfälle. Mit seinen Neckereien trifft er stets ins Schwarze. Ich war einfach verknallt - ich kann euch nicht mal sagen wieso, wahrscheinlich, weil ich eine Schwäche für die Gutmütigen habe und es Jesien nur zu gern etwas Glück gegönnt hätte. Ich bin bereits gespannt, welche Rolle er in den nachfolgenden Bänden spielen wird.

Nevis: Der Jüngste unter Gaias Söhnen und die Verkörperung des Winters. Genau wie Maya hatte ich zu Anfang so meine Probleme damit, ihn richtig einzuschätzen. Seine Beschreibung erinnerte mich zu allererst an Jack Frost aus dem Film Die Hüter des Lichts, was es mir erst schwer machte, ihn wirklich ernst zu nehmen. Doch mit der Zeit, je mehr er hinter seine Fassade blicken konnte, desto neugieriger war ich, was für ein Geheimnis er wohl verbarg. Und ehe ich es mich versah, hatte mich der sture Bock ganz in seiner Gewalt - und so toll ich Jesien auch fand, die Beziehung, die Nevis und Maya zueinander aufbauen ist so herzerwärmend und herzzerreißend gleichermaßen, dass ich jede Zeile mit und über ihn verschlungen habe. Ich habe jede noch so kleine Gefühlsregung dieses Charakters in mich aufgesogen und analysiert und genossen. Doch auch ihn hätte ich an mehr als nur einer Stelle für seine Sturheit schelten können - so ein unverbesserlicher Dickkopf! Und für mich trotzdem etwas ganz Besonderes... 

Schreibstil  

Jennifer Wolf hat einen wahnsinnig schönen, plastischen Schreibstil, der so wunderbar fließend ist, dass man irgendwann vergisst, dass man überhaupt liest. Man vergisst die Zeilen, die Worte, die Schrift tritt hinter den Bildern, die sie malt, zurück und lässt einen die Welt mit Mayas Augen sehen und verstehen. Wenn jemand scherzhaft behauptet, dass man beim Lesen still da sitzt und über einem Stück Papier tranceartig halluziniert: hier ist es definitiv so gewesen. Wie ein Film lief das Gelesene vor meinem inneren Auge ab und entführte mich in eine fremde, bunte, Magie erfüllte Welt, wie ich selbst gern am eigenen Leib erfahren hätte. Selbst die Auserwählte Gaia sein. Selbst einen der Brüder wählen und der liebsten Jahreszeit nah sein. Dieses Buch lässt einen träumen! Farben spielen in Morgentau übrigens eine besonders wichtige Rolle und wenn man die Beschreibung der Farben sehr aufmerksam verfolgt, wir man auch wissen wieso. Ein ganz, ganz, ganz besonderes Lob möchte ich an dieser Stelle für Nevis Augen aussprechen, denn selten habe ich einen Charakter so intensiv an einem besonderen Merkmal festmachen können. Ungeheuer wortgewandt beschreibt Jennifer Wolf die Entwicklung des Winters nämlich anhand seiner Augen, die sich ganz eigenständig verhalten. Sie frieren zu, sie tauen auf, sie sind Nebel verschleiert oder klar, sie strahlen oder sie erliegen einem grausamen Schneesturm - so beobachtet Maya die Gefühls- und Seelenzustände des Winters, ohne viele Worte zu brauchen. Einfach wunderbar faszinierend! 

Handlung  

Ich wusste ja nicht, was mich erwartet! Sicher, ich hatte mit einer romantischen Liebesgeschichte gerechnet, die einen Tiefpunkt erlebt, um sich dann in ein Happy End zu retten. Es kam beinahe so wie erwartet ... aber eben nur beinahe! Und obwohl ich mir geschworen hatte, nicht zu weinen (Im Vorhinein hatte ich viel darüber gelesen, dass es die vorherigen Leserinnen zu Tränen gerührt haben soll), konnte ich zum Schluss einfach nicht mehr an mich halten. Es kam doch so anders, als erwartet - und weil ich bisher nichts Vergleichbares kannte, wusste ich auch nicht, wohin mich die Reise mit Maya und den Jahreszeiten führen würde. Würde sie den Richtigen wählen? Würde sie entkommen? Würde sie unsterblich werden? Oder Sterben? Ich konnte nicht ahnen, wohin mich der Plot führen würde, und ich muss sagen, ich war mehr als nur positiv überrascht. Wie schon gesagt habe ich mit den Charakteren jede nur mögliche Emotion, jede Spannung mitgefühlt, bis ich am Ende nur noch ein Häufchen Elend war. Bloß an einer Stelle im hinteren Teil des Buches wurde es mir für einen Moment zu langatmig - vielleicht, weil ich ungeduldig war, was als nächstes geschehen sollte -, die Wanderung durch die Eiswüste, denn ich saß wie auf glühenden Kohlen. Doch als sich dann langsam das Ende ankündigte, saß ich schon wieder in der Achterbahn. Was machst du nur mit mir, Jennifer Wolf? 

Gesamtwertung 

Wenn man ohne Erwartungen an ein Buch herangeht, kann man in der Regel nur positiv überrascht werden. Lediglich der Grad der Überraschung variiert - und was Morgentau betrifft, so hat er die Schwelle gut bei Weitem überschritten. Die Geschichte von Maya Morgentau und den vier Jahreszeiten hat mich von Anfang an mitgerissen und fortan in seinem Bann gehalten. Der großartige Schreibstil der Autorin hat mich derart gefangen, dass ich das Gefühl hatte, nicht Worte, sondern das Geschehen aus der Nähe zu betrachten. Und wenn ein Buch mich zum Schluss so umhaut, dass ich vor Tränen kaum Luft bekomme und nach meinen Taschentüchern angeln muss, dann kann es nur bedeuten, dass es meinen Nerv getroffen hat - und das hat es! Und der Schmerz, den es in mir ausgelöst hat, hallt immer noch nach! Sicher bin ich nun auch gespannt auf den zweiten Teil der Reihe, doch gleichermaßen auch skeptisch. Ich hatte mich so sehr an Maya und Nevis gewöhnt und war von ihnen so begeistert, wie kann das noch getoppt werden? Es wird noch ein bisschen dauern, bis ich Morgentau vollkommen verdaut habe, aber irgendwann werde ich mich auch an den zweiten Teil trauen - versprochen! Danke für dieses wundervolle Erlebnis, Jennifer Wolf!





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