Montag, 21. September 2015

[Rezension] Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte

Verdächtige Geliebte

Autor: Keigo Higashino
Genre: Krimi
Freigabe: keine
Erschienen: 2013
Seiten: 320
Einband: Hardcover
Verlag: Klett-Cotta 
ISBN: 978-3-608-93966-8
Preis: 19,95€

Rating: 


Klappentext

Ishigami, der Mathelehrer, gegen Dr. Yukawa, den Physiker: Die beiden haben seit Langem eine Rechnung miteinander offen. Nun kämpfen sie gegeneinander: Ishigami, um die Wahrheit zu vertuschen, und Yukawa, um sie aufzudecken. Gelingt es ihm, der geliebten Mörderin und deren Tochter ein Alibi zu verschaffen, oder werden sie am Ende allesamt des Mordes und der Lüge überführt? Gewinner dieses Zweikampfes zweier Genies sind die Leser: Keigo Higashino dreht in seinem Bestseller die gängigen Krimi-Rollen raffiniert um und lässt uns mit der Täterin mitfiebern.

Inhalt

"Wer die Mörderin ist, steht von Anfang an fest: Yasuko hat ihren gewalttätigen Ex-Mann ermordet. Doch dann bietet ihr verliebter Nachbar an, ihr ein Alibi zu verschaffen. Womit das Mathe-Genie allerdings nicht rechnet, ist, dass die Polizei einen genauso brillanten Gegenspieler engagiert, um ihm auf die Schliche zu kommen." - Quelle: Verlag


Cover  

Ich kann nicht anders. Jedes Mal, wenn ich das Cover sehe, will ich ihm meine Bewunderung ausdrücken. Es ist in einem schlichten Weiß gehalten, dass einzig durch die schattigen Konturen asiatischer Augen und den Titel des Buches unterbrochen wird. Auf mich haben asiatische Augen schon immer eine starke Anziehungskraft und ich ertappe mich immer wieder dabei, wenn ich jemandem mit solchen schönen Mandelaugen begegne, dass ich ihn vor Bewunderung anstarre. So ähnlich muss es auch dem Hauptcharakter Ishigami gegangen sein, als er zum ersten Mal Yasukos fesselndem Blick standhalten musste - und in diesem Moment war es um ihn geschehen. Immer wieder wird in Verdächtige Geliebte von der Schönheit der weiblichen Protagonistin gesprochen, die ihr selbst gar nicht so klar ist. Mit diesem wunderschönen Cover bekommt der Leser einen flüchtigen Einblick in das, was Ishigami sieht. Gefällt mir ganz gut!

Charaktere  

Yasuko: Sie lebt mit ihrer Tochter Misato allein in einer kleinen Wohnung irgendwo in Tokyo und versucht, an der Kasse eines Bento-Geschäfts ihren Unterhalt zu verdienen. Doch eigentlich lebt sie wie auf der Flucht, denn ihr nichtsnutziger, gewalttätiger Exmann ist stets auf der Suche nach ihr, um auf dreiste, aber auch bedrohliche Art und Weise Geld von ihr zu schnorren. Auch am Tag des Verbrechens taucht er wieder bei ihr auf und durch das tätliche Eingreifen ihrer Tochter kommt es zu einem Gewaltakt, der in einem Mord endet. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich als Leserin so gut in Yasuko hineinversetzen konnte, dass ich ihre Beweggründe verstehen und den Mord gut heißen konnte, was mich unter anderem deshalb so verstört, weil ich glaubte ein pazifistischer Mensch zu sein. Doch in meinen Augen hatte ihr Exmann es einfach nicht anders verdient. Für den Rest des Buches fehlte mir dann jedoch jeglicher Bezug zu ihrer Person, obgleich einige Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben sind. Stumm und demütig lässt sie alles über sich ergehen, was Ishigami ihr aufträgt. Mir fehlten hier die Ecken und Kanten - sie war mir zu langweilig. 

Ishigami: Mathematisches Supergenie, das als Mathelehrer an einer Tokyoter Oberschule sein Dasein fristet. Er wird als klein und untersetzt beschrieben, mit Augen, die so schmal sind, dass man seinen Blick kaum deuten kann. Er lebt nur für die Mathematik - zumindest glaubt er das, bis er eines Tages auf seine Nachbarin Yasuko und ihre Tochter Misato trifft, die beide so ungewöhnliche Augen haben, dass er ihnen sofort verfällt. Die junge Mutter vor einer Verurteilung wegen Mordes zu bewahren, sieht Ishigami seinen neuen Lebenssinn. Mithilfe seines scharfen Verstandes arbeitet er auf grandiose, stark verschachtelte Weise an einem undurchdringlichen Alibi für seine Angebetete. Seine Liebe zu ihr ist größer als jede Liebe für sich selbst und das, obwohl sie sie nicht im geringsten erwidert. Körperliche Annäherungsversuche macht Ishigami allerdings keine, da er sich offensichtlich für zu wenig schön hält, um Yasuko Avancen zu machen. Ishigami ist kein sympathischer Charakter. Er ist schweigsam, manchmal schroff und lebt in seiner Welt der Mathematik zu fernab von der Realität, um dem Leser irgendeinen Bezug zu geben. Es ist spannend, seine Gedankengänge zu verfolgen und dabei - genau wie die Ermittler - immer nur stückweise zu erfahren, wie er Yasuko nach dem Mord geholfen hat, ihn zu vertuschen. Rein psychologisch gesehen konnte ich die Beweggründe für seine Opferbereitschaft - trotz Auflösung am Schluss - nicht nachvollziehen. Für einen Menschen, den man kaum kennt und mit dem man kaum drei Worte gewechselt hat, alles aufs Spiel zu setzen, kam mir nicht plausibel vor. Hätte man es allein mit seinem Streben nach dem perfekten (mathematischen) Problem erklärt, hätte ich es ihm vielleicht eher abgenommen.

Dr. Yukawa: Er ist ein alter Kommilitone Ishigamis und gleichzeitig ein guter Freund des ermittelnden Inspektors Kusanagi und bildet auf diese Weise eine Brücke zwischen (Mit-)Täter und Justiz. Anders als Ishigami, ist Yukawa ein Spezialist für Physik, dessen scharfer Geist dem Genie seines Freundes ganz stark Konkurrenz macht. Wegen seiner außergewöhnlichen Auffassungs- und Kombinationsgabe wird er von Inspektor Kusanagi immer wieder in die Aufklärung diverser Fälle integriert, um von ihm Tipps für logische Schlussfolgerungen zu erhalten. Ich bezweifle, dass das rechtlich irgendwie legal ist, einen unbeteiligten so viel Informationen über einen Fall zu liefern, aber vielleicht bin ich da auch zu kritisch. Im Falle Ishigamis ist Yukawas Mithilfe jedoch Gold wert, denn nur er ist in der Lage, das unlösbare mathematische Problem, dass sein ehemaliger Studienkollege konstruiert hat, aufzulösen - nicht zu vergessen der emotionale Effekt, der entsteht, wenn ein Freund einen anderen eines Verbrechens überführen muss. Yukawa gefiel mir als Charakter eigentlich ganz gut. Er ist nicht so langweilig verbohrt, wie Ishigami, sondern verhält sich, gemäß seines Klischees als verrückter Wissenschaftler, immer wieder eigen und sonderbar, was dem Ganzen ein wenig Witz verliehen hat. Trotzdem hatte er für mich, psychologisch und emotional gesehen, den meisten Tiefgang von allen vorhandenen Charakteren. Und seine "Liebe" zu seinem Freund Ishigami ist tiefer und glaubwürdiger, als die Liebe, die Ishigami für Yasuko empfinden soll. Meiner Meinung nach der beste Charakter des Buches!

Inspektor Kusanagi: Er ist der leitende Ermittler im Mordfall um Yasukos Exmann und neben Dr. Yukawa einer meiner liebsten Charaktere im Buch. Auch er war ein Kommilitone Ishigamis, obwohl er ihn in seiner Zeit als Student niemals kennengelernt hat. Seiner großartigen Menschenkenntnis und schnellen Auffassungsgabe gelingt es ihm in der Regel schnell, Mörder zu überführen oder Tathergänge nachzuvollziehen - Yasukos, von Ishigami eigens konstruiertes Alibi erschließt sich ihm allerdings nicht und so sucht er bei Yukawa nach Unterstützung bei der Aufklärung des Falls. Dort muss er schnell feststellen, dass er auf Granit beißt, denn sein Freund weigert sich immer wieder, den Inspektor bei diesem Fall zu unterstützen. Kusanagi tat mir sehr oft leid. Er hat ein gutes Herz und viel Empathie, dafür aber auch einen starken Gerechtigkeitssinn. Doch während die beiden Männer Ishigami und Yukawa sich einen Kampf darum liefern, wer von beiden den grandioseren Geist hat, steht der Inspektor oft ratlos daneben und tappt im Dunkeln, obwohl er der Auflösung des Falls als erstes (nämlich innerhalb der ersten 100 Seiten) am nächsten gekommen ist. Zwischen den beiden großen Wissenschaftlern und der vermeidlich unschuldigen jungen Frau fühlt sich Kusanagi an wie ein ahnungsloser Pinball. Das ist nicht nur für ihn, sondern auch für den Leser frustrierend. Am Schluss bildet er jedoch für alle die letzte vernünftige Instanz. Ein liebenswürdiger, jedoch irgendwie nutzloser Charakter, wenn man allein von der Auflösung des Falls ausgeht. 

Schreibstil  

Ich kenne die japanische Sprache und ich weiß - aus eigener Erfahrung -, wie schwer es ist, sie in passende deutsche Worte zu übersetzen. Dabei geht oftmals viel von der eigentlichen Bedeutung verloren und, wenn man nicht besonders begabt ist, klingt die Übersetzung oftmals steif und unfertig. Genau so fühlt sich Die Verdächtige Geliebte an. Und das ist vielleicht nicht mal Keigo Higashinos Schuld. Die Sprache ist klar, bedient sich jedoch vieler einfacher, kurzer Sätze und fühlte sich somit wenig anspruchsvoll an. Der Text lebt von seinen - zugegebenermaßen - guten und schnellen Dialogen, den Gedankengängen der Charaktere und deren Verhalten, verzichtet dafür jedoch komplett auf (unnötige) Beschreibungen der Umgebung oder der Atmosphäre, die dem Leser geholfen hätten, sich ein Bild der Szenerie zu machen. Einerseits ist das Genre technisch vollkommen in Ordnung, denn es geht hier um die Aufklärung eines Mords und dafür sind Beschreibungen menschlichen Verhaltens ausschlaggebend - künstlerisch gesehen fühlt es sich, wenn man mehr gewöhnt ist, einfach schwach an und macht so gesehen auch nur halb so viel Spaß beim Lesen. Aber vielleicht ist das auch nur meine Meinung. 

Handlung  

Die Handlung entspricht dem, was man von einem Krimi erwartet. Es wird viel spekuliert, Thesen werden aufgestellt und revidiert, Zeugen und Verdächtige werden befragt, Tatorte untersucht. Im Grunde wird hier weniger gehandelt, als tatsächlich Gesprochen. Wie eben schon gesagt basiert der Text auf dem Dialog und damit auf den Zwischenmenschlichen Ereignissen. Da es sich hier nicht um einen Thriller, sondern um einen klassischen, reinen Thriller handelt, bleibt die Spannung also meistens leider aus. Dennoch ist es interessant zu verfolgen, wie der tatsächliche Tathergang langsam von mehreren Seiten her aufgefädelt wird, wie die Ermittler dem Drahtzieher Ishigami immer näher kommen und dieser immer nervöser wird, aber nichtsdestotrotz immer ein Ass im Ärmel hat, um den Verdacht weiterhin von Yasuko abzulenken. Interessant, jedoch nicht spannend. Das Ende sticht hierbei natürlich heraus, denn es bildet, ganz anders als sonst, den Höhepunkt des Buches und gipfelt quasi in der Eskalation, dem Zusammenbrechen seines fein säuberlich zusammen gesetzten Kartenhauses. Vielleicht hatte ich mehr erwartet, denn ich hatte im Vorhinein nur Gutes gehört ... aber wirklich mitgerissen war ich nicht. 

Gesamtwertung 

Vielleicht lag es daran, dass es sich bei Verdächtige Geliebte um den ersten reinen Krimi handelt, den ich je gelesen habe. Vielleicht hatte ich einen Thriller erwartet oder zumindest eine heftige, körperliche Eskalation, wenn die Täterin und ihr Komplize gestellt werden, doch all das blieb aus. Mit der relativ steifen, unschönen Übersetzung plätscherten die Dialoge vor sich hin und zogen ihre Kreise um den Kern der Wahrheit, zog sich an einigen Stellen unnötig in die Länge, um Spannung aufzubauen, und führte im Endeffekt dazu, dass ich schließlich einfach nur fertig werden wollte, um endlich die Lösung zu erfahren. Es war ein nettes Buch für zwischendurch, das mich interessiert bei der Stange gehalten, aber nie vollkommen vom Hocker gehauen hat, weshalb es von mir durchschnittlich 3 Punkte erhält. Es ist kein absolutes Must Have, sondern ein guter Krimi mit ungewöhnlichem Handlungsaufbau für Zwischendurch. Allerdings habe ich nicht wirklich das Bedürfnis die Fortsetzung zu lesen. 





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- Eure Bücherfüchsin