Sonntag, 14. Januar 2018

[Rezension] Fran Wilde: Stadt aus Wind und Knochen (Bd. 1)

Stadt aus Wind und Knochen (Bd. 1)

Autor: Fran Wilde
Genre: Abenteuer, Fantasy, Jugendbuch
Erschienen: 2. November 2017
Seiten: ca. 400
Einband: Taschenbuch
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-52063-5
Preis: 12,00€ [Print] | 9,00€ [eBook]

Rating: ♥♥





Inhalt

"Mit der Magie ihrer Stimmen haben die Sänger vor langer Zeit Chaos und Krieg beendet. Seitdem herrschen sie unangefochten in der Stadt der beinernen Türme hoch über den Wolken. Sie sind Hüter des Gesetzes, Bewahrer der Traditionen und die Einzigen, die die Knochentürme weiterwachsen lassen können. Als die junge Kirit die Aufforderung erhält, sich den Sängern anzuschließen, ahnt sie nicht, dass im Inneren der geheimnisvollen Knochennadel ihr Weltbild ins Wanken geraten wird – und mit ihm alles, was der Stadt der beinernen Türme Frieden und Sicherheit garantiert." - Quelle: Verlag


Cover ♥♥♥♥

Als ich den Herbst-Katalog des Verlags Droemer Knaur eines Nachmittags ganz in Gedanken versunken durchblätterte, blieb ich an einer Seite ganz besonders hängen: Stadt aus Wind und Knochen von Fran Wilde sprang mir geradezu ins Gesicht mit seinen angenehmen Pastellfarben, seinem dunklen, verträumten Nachthimmel, den beinernen Türmen und dem rothaarigen Lockenkopf im Vordergrund. Die knöchernen, aber ganz offenbar mechanischen Flügel, die das Mädchen auf dem Cover auf dem Rücken trägt, waren für mich ganz besonders ansprechend: In welchem anderen Buch, das ich kenne, konnten die Menschen fliegen? Soweit ich mich erinnern kann in keinem! Das Cover ist einfach wahnsinnig schön konzipiert: Die Farben gehen in einem einzigen, schimmernden Verlauf ineinander über und ziehen sich - ebenso wie die Wolken und Türme auf dem Bild - bis über den Buchrücken auch auf die Rückseite des Buchs. Es ist also nicht einfach nur ein Cover, das die Front des Buches ziert, es ist wie ein Einschlag, ein Bild, das im Ganzen betrachtet werden muss. Betrachtet man das Bild für eine Weile, wird einem sofort klar, worum es geht: Es geht um Himmel und Wind, um Knochen, Menschen, Flügel und vor allem eins: Abenteuer. Dieses Cover sagt alles aus, was es über den Roman zu wissen gibt und gibt genau den richtigen Einblick zwischen die Buchdeckel, ohne dabei irgendetwas vorweg zu nehmen. Genau so, wie es sein soll! Nichtsdestotrotz muss ich dem Cover ein Herz abziehen - und zwar dafür, dass der/die Künstler/in das Buch offensichtlich nicht gelesen hat, bevor er/sie das Cover gestaltete. Denn die Türme bestehen zwar aus Knochen wie abgebildet, doch auch aus verschiedenen Ebenen, die durch Balkone und Terrassen Platz für die Menschen unter freiem Himmel bietet - und vor allem die nötige Bewegungsfreiheit, um loszufliegen und zu landen. Balkone, von denen Unrat geworfen wird, Brücken, die die Türme verbinden, Wäscheleinen im Wind, Strickleitern zwischen den Turmebenen, Apfelbäume in großen Töpfen, um nicht nur Vogelfleisch essen zu müssen. Die Türme auf dem Cover sehen glatt, leer und unbelebt aus - auch wenn hier und da Licht hinter einem Fenster brennt, sind dies nicht die Türme, die der Leser im Buch kennen und lieben lernt.

Charaktere ♥♥♥♥

Kirit: Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um mit Kirit warm zu werden. Nicht etwa, weil ich sie furchtbar unsympathisch fand oder mich mit ihren Entscheidungen nicht identifizieren konnte - nein, vielmehr lag es am Schreibstil der Autorin, auf den ich weiter unten noch näher eingehen werde. Kirit erscheint für mich - gerade in der ersten Hälfte des Buches - wie eine flache, unbemalte Leinwand ohne Kontur, ohne Eigenheiten und Erfahrungen. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt. Ihre Emotionen passen in einen Teelöffel; ein Problem, das ich am Schreibstil der Autorin generell festgestellt habe. Während wir die spannendsten Abenteuer aus Kirits Perspektive heraus erleben, kommentiert sie das meiste relativ leidenschaftslos und über größere Verluste oder dominante Gefühle wie Trauer oder Wut kommt sie binnen weniger Sätze ganz mühelos hinweg, sodass ihre Gefühlsregungen beim Leser kaum einen Eindruck hinterlassen. Das macht sie keineswegs unsympathisch, es lässt sie nur eindimensional und - ja, manchmal - einfach langweilig erscheinen. Das ändert sich ab der Mitte des Buches zwar etwas, wenn Kirit beginnt, die Dinge um sie herum in Frage zu stellen wie jeder gute Teenager es tun würde, verschwindet jedoch nie vollständig. Die Distanz, die auf diese Weise zwischen Leser und Hauptfigur entsteht, obwohl wir es durchaus mit einer Ich-Perspektive zu tun haben, ist dabei der Geschichte nicht abträglich, es legt den Fokus bloß auf andere Dinge, die die Autorin für wichtiger erachtet hat: die Welt, die Knochenstadt, die Kultur, die Menschen, das ganze Abenteuer. Wie viel würden wir von dieser absolut faszinierenden Welt verpassen, wenn Kirit sich ständig mit ermüdenden Innensichten aufhielte? Indem Kirit sich von Rückschlägen schnell erholt und wenig entmutigen lässt, kommt die Geschichte schneller voran und sie wird dabei niemals lästig, wie es andere, weinerliche Hauptfiguren in Jugendbüchern gerne mal tun. Auch wenn ich mir die ein oder andere Träne mehr gewünscht hätte, war Kirit für mich doch ein überraschend angenehmer Charakter, der aus der Reihe seiner Artgenossen insofern herausfällt, als dass er den Leser nicht mit seitenlangem Selbstmitleid oder Liebesdrama von der eigentlichen Geschichte fernhält.

Wik: Ich weiß, was die meisten nun vermutlich denken - da ist er ja, der Love-Interest für die halbstarke, desorientierte Jugendbuch-Heldin. Aber nein, so ist es nicht. Liebe, Sexualität, verwirrte Gefühle: Das alles gibt es in Stadt aus Wind und Knochen nicht. Wie gesagt, wir halten uns nicht mit Liebeskummer oder unnötigem Drama auf. Nichtsdestotrotz ist der Sänger Wik für mich persönlich ein heimlicher Love-Interest. Er ist etwas älter als Kirit und nimmt sie schon relativ früh unter seine Fittiche, ohne dabei je den autoritären Oberlehrer heraushängen zu lassen. Er ist schlagfertig, bleibt jedoch am liebsten stumm und redet eigentlich eher weniger - es ist vielmehr seine Körpersprache, die über seine Gefühle und seine Loyalitäten Auskunft geben. Er ist unfassbar mutig und ist bereit, eine Menge zu riskieren, um Menschen zu helfen, an die er glaubt, und Dinge umzusetzen, für die er lebt. Wik ist die Art von Person, der man ohne zu zögern sein Leben anvertrauen kann - und das imponiert mir. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass er und Kirit beginnen, eine zarte Liebe für einander zu empfinden, doch die Hinweise darauf blieben aus. Eine Liebesgeschichte werden wir hier, wie gesagt, nicht finden, umso verzweifelter habe ich mich dabei beobachtet, wie ich die kleinsten Hinweise in seiner und ihrer Körpersprache gesucht habe, um meine vergeblichen Hoffnungen irgendwo bestätigt zu sehen. Natürlich kann in den beiden nachfolgenden Romanen noch so einiges geschehen, doch ich fand es doch wahnsinnig konsequent, die Liebe hier vollkommen aus dem Spiel zu halten und sich somit von einem von vielen Jugendbuchklischeés zu distanzieren. Wik bleibt auch ungeküsst mein liebster Charakter im Buch.

Nat: Ein weiterer, wunderbarer Charakter und der Beweis, dass die Autorin sehr wohl in der Lage ist, überschäumende Gefühle auf den Punkt zu bringen. Als Kirits "Nestbruder" ist er zwar nicht mit Kirit verwandt, empfindet für sie aber dennoch eine geschwisterliche Liebe und lässt mehr als einmal den großen Bruder für sie raushängen. Sein größter Traum ist es, Wächter zu werden und damit als furchtloser Krieger die Stadt vor möglichen Gefahren aus dem Himmel zu schützen. Er ist wahnsinnig stur und dabei zielstrebig: Er weiß genau, wo er einmal hinwill und wie viel er dafür bereit ist zu opfern. Er ist zwar kein Choleriker, wie er im Buche steht, doch seine ausdrucksstarken, wilden Augen sind ein herausstechendes Merkmal seines Charakters, wenn er vor Wut, Trauer oder Furcht geradezu überschäumt. Anders als Wik, der immer - ganz egal wann - ruhig zu bleiben weiß, verliert er gerne mal die Beherrschung und schlägt mit Worten um sich. Doch genauso wie Wik ist er bereit, alles für die zu opfern, die er liebt. Nat ist ein ziemlich tragischer Charakter. Er bleibt oft in Kirits Windschatten zurück und büßt für jeden Fehler, den sie in ihrem Leben macht, mindestens zwei Mal so stark. Er muss mehr als nur ein tödliches Hindernis überwinden, um Dinge zu erreichen, die anderen einfach in den Schoß gelegt werden - und er muss sich von ganz unten hoch kämpfen, um in einer so rücksichtslosen Gesellschaft wie der ihren überleben zu können. Nat ist ein absolut wunderbarer Charakter und ein leider viel zu unterschätzter Held.

Schreibstil ♥♥♥♥

Wie bereits erwähnt, war der größte Kritikpunkt, den ich an Fran Wildes Schreibstil hatte, die fehlende Emotionalität. Im Angesicht der größten Katastrophe, Blut, Tod und Zerstörung verlieren ihre Charaktere nur sehr selten die Beherrschung - und wenn dann auch nur für einen Augenblick, bevor der Storyflow sie schon wieder mit sich reißt. Storyflow beschreibt die Art des Schreibstils irgendwie ganz gut, denn die Geschichte fließt irgendwie so dahin, ohne sich mit unwesentlichen Dingen allzu lange aufzuhalten. So geschieht es mehr als nur einmal, dass Katastrophen, die passieren, wie beiläufig in den Text einfließen, ohne sie mit bestimmten Floskeln, mit Wortmarkierungen oder leidenschaftlichen Gefühlen des Schreckens allzu groß aufzubauschen. Dass ein wichtiger Charakter fast im Begriff ist, versehentlich in den Tod zu stürzen und wie brenzlig die Lage für ihn tatsächlich ist, fiel mir auf diese Weise erst mehrere Sätze später auf. Und dies war nicht der einzige Fall, in denen mir Ereignisse, die eigentlich große Auswirkungen auf meine Lesergefühle haben sollte, einfach entwischt sind. Viel zu sehr bin ich es inzwischen gewohnt, Drama mit Drama signalisiert zu bekommen. Während andere Leser die fehlende Sexualität und den fehlenden Humor im Schreibstil bemängelt haben, war dies mein geringstes Problem. Denn die Autorin schafft es, eine Welt mit Worten zu erschaffen, die so noch nie existiert hat - und lässt das ganze auch noch super einfach aussehen. Auch wenn die Story Zeit braucht, ehe sie in Fahrt kommt, so ist das ganze Buch von vorne bis hinten unfassbar spannend, neuartig und faszinierend geschrieben, sodass ich mich kaum losreißen konnte. Die Welt, die Kultur, die Form der Religion, der Normen und Werte, die Traditionen - Fran Wildes Knochenstadt ist so authentisch beschrieben, dass sie sich beinahe echt anfühlt, und bleibt dabei bis ins Detail überraschend innovativ. Die Beschreibungen der Knochenstadt und des Lebens darin fließen in die Handlung ein, ohne sie zu stören und zu viel Raum einzunehmen. Auf diese Weise wird der Plot nicht durch allzu lange Einschübe gestört, vieles wird jedoch auch schon von Anfang an wie selbstverständlich hingenommen, ohne groß Zeit auf Erklärungen zu verschwenden, die sich der Leser gut selbst zusammenreimen kann. Dass dadurch manche Dinge unlogisch und unerklärlich erscheinen ist beinahe selbstverständlich - zum Glück halten sich diese sehr in Grenzen und stören nicht, wenn man sich voll und ganz auf die Welt und seine eigene Fantasie einlassen kann.

Handlung ♥♥♥♥♥

Die Handlung in "Stadt aus Wind und Knochen" braucht einige Zeit, um so richtig in Fahrt zu kommen und Leser dort zu packen, wo es ihn nie wieder loslässt. Dafür scheint die Achterbahnfahrt dann gar nicht mehr aufhören zu wollen. Im Grunde haben wir es mit einem relativ typischen Jugendbuch-Dystopie-Plot zu tun: Eine mutige Heldin muss mit ihren Gefährten das bestehende System außer Kraft setzen, um die Probleme der Gesellschaft von Grund auf anzugehen. So kennen wir es zur Genüge aus anderen Genre-Vertretern wie beispielsweise Die Tribute von Panem. Doch durch das Fehlen der Sexualtität und damit des oft unnötigen Dramas liegt der Fokus tatsächlich viel mehr auf dem eigentlichen Abenteuer und der Überwindung der bestehenden Normen und Werte, als auf der Überwindung jugendlicher Probleme und dem Kennenlernen der eigenen Gefühlswelt. Kirit begeht eines Abends einen schrecklichen Fehler, indem sie sich nicht an die Ausgangssperre hält und unwissentlich einen Himmelsschlund, ein schreckliches Monster, das in den Winden lebt, anlockt. Die Strafen, die sie für ihr Vergehen erhält, sind ihr wie ein Klotz am Bein und sollen bald ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen. Bald ist sie gezwungen, ganz andere Bahnen einzuschlagen, als sie es sich eigentlich für sich gewünscht hätte. Um all die Regeln und Traditionen zu überwinden, die sie und die Menschen von einer individuellen und eigenständigen Entwicklung abhalten, muss sie mit genau diesen brechen. Die Steine, die ihr dabei in den Weg gelegt werden, sind dabei manchmal so unfair, dass ich mehrmals das Buch weglegen musste, um tief Luft zu holen - mit Ungerechtigkeiten kann ich oft nur schwer umgehen. Dabei hat mir das Buch bewiesen, dass es sehr wohl in der Lage ist, die unterschiedlichsten Gefühle in mir hervorzurufen, ohne dafür ein künstliches Hormon-Drama inszenieren zu müssen. "Stadt aus Wind und Knochen" ist für mich eine der spannendsten und faszinierendsten Geschichten, die ich jemals lesen durfte.

Gesamtwertung ♥♥♥♥

Mit ihrem Debut-Roman "Stadt aus Wind und Knochen", hat Fran Wilde eine vollkommen neue Welt geschaffen, die es so auf diese Weise noch nicht gegeben hat. Die Idee, Menschen in Türmen wohnen zu lassen, sie diese Türme anbeten zu lassen, ihnen mechanische Flügel an den Rücken zu schnallen, um zu überleben - das alles war so neu und fremdartig faszinierend für mich, dass ich gar nicht aufhören konnte zu lesen. Die Beschreibungen fließen wie beiläufig in den Erzähltext mit ein und lassen es so unfassbar leicht aussehen, ein so komplexes und neuartiges Konstrukt wie aus dem Nichts zu erschaffen. Die mangelnde Emotionalität der Hauptfigur wirkte dabei manchmal wenig nachvollziehbar, trieb jedoch die Handlung weiter angenehm voran. Das selbe gilt für das Fehlen von Liebe (im jugendlich, sexuellen Sinne), das sich überraschend gegen den bestehenden Stereotyp an Jugendbuch-Dystopien auflehnt. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte von Anfang bis Ende ungeahnt spannend, ein Ereignis jagt das nächste, getragen von der bis ins Detail ausstaffierten Lore und den tollen Nebencharakteren, die den relativ flachen Hauptcharakter mit Leichtigkeit ausgleichen. "Stadt aus Wind und Knochen" ist ein Jugendbuch-Abenteuer, das ich uneingeschränkt jedem empfehlen würde, der die immer gleichen Muster des Genres satt hat und auf der Suche nach einer einzigartigen, faszinierenden Geschichte mit einer großen Portion Spannung und einer Menge epischer Luftkämpfe ist.



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- Eure Bücherfüchsin

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