Mittwoch, 24. Januar 2018

[Rezension] [Graphic Novel] Cyril Pedrosa: Jäger und Sammler

Jäger und Sammler

Autor: Cyril Pedrosa
Zeichner: 
Cyril Pedrosa
Genre: Graphic Novel, Slice of Life
Erschienen: 1. Mai 2016
Seiten: 336
Einband: Hardcover
Verlag: Reprodukt
ISBN: 978-3-95640-044-5
Preis: 39,00€

Rating: ♥♥




Inhalt

"Cyril Pedrosa entwirft ein Kaleidoskop von Personen, deren Wege sich im Laufe eines Jahres kreuzen. Jede Jahreszeit hat eine eigene grafische Identität, jede Stimme ebenso. In episodischen Momentaufnahmen zeigt er mal gewöhnliche, mal bedeutsame Augenblicke aus dem Leben seiner Figuren mit ihren Sehnsüchten und Ängsten, ihren Träumen und Nöten. Das verbindende Element: eine Fotografin, die im Hintergrund ihre Linse direkt ins Herz der Figuren zu richten scheint, wie es einst Vivian Maier meisterhaft verstand. Dass Cyril Pedrosa ein Meister der Zwischentöne ist, hat er bereits in seinem 2012 erschienenen Band “Portugal” bewiesen. Mit “Jäger und Sammler” wagt der Comiczeichner nun erzählerisch wie grafisch ein Experiment: Er verwebt prächtige Zeichnungen, dichte Textpassagen und klassische Comicsequenzen zu einem feinsinnigen Geflecht aus Farben und Poesie." - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥♥♥

Ein Cover, das mich sofort anspricht, und dazu führt, dass ich beherzt zugreife, kann kein schlechtes Cover sein. Mit seinen warmen, spätsommerlichen Farben hat es mir gleich gefallen. Wie so oft macht die Komposition des ausgewählten Bildes erst im Rückblick auf die Story Sinn: Wir haben hier zwei Ebenen des Bildes. Rechts und links im Bild ragen die hohen Gebäude der Großstadt auf und werfen ihre scheinbar unendlichen Schatten auf die Menschen, die ihrem Alltag nachgehen. Doch die Schatten sind nicht einfach nur als Abwesenheit von Licht zu verstehen - er ist wie eine Konstante im Leben dieser Menschen, die beinahe alle in der Graphic Novel thematisiert werden. Irgendetwas hält sie in ihrem Leben zurück, hält sie auf, lässt sie innehalten, denn sie können nicht sehen, dass das Licht außerhalb ihrer üblichen Wege liegt. In der Mitte des Bildes, zwischen den Hochhäuser, ergibt sich ein fantastischer Blick auf die lichtberührte Seit der Stadt und die dahinter liegende Natur. Die einzige Person, die ihren Blick in diese Richtung gerichtet hat, ist die zentrale Figur der Graphic Novel: die Fotografin. Sie ist es, die die Schicksale der Menschen auf lose weise verknüpft, indem sie sie in ihren dunkelsten Momenten festhält und ihre Geschichten erzählt. Sie ist die Einzige, die es schafft, aus dem Schatten zu treten und das Licht zu sehen, das dahinter liegt. Eine fantastische Komposition!

Charaktere ♥♥♥♥

Camille: Während wir all die anderen Charaktere im Laufe der Graphic Novel kennenlernen, indem wir ihnen direkt über die Schulter schauen, an ihren Gesprächen und Erlebnissen (innerhalb eines Jahres) teilhaben, lernen wir Camille erst gegen Ende der Geschichte kennen, obwohl sie sich eigentlich durch das ganze Werk zieht. Stets hinter ihrer Kamera verborgen bewegt sie sich auf den Spuren der Menschen um sie herum, verschmilzt mir ihrer selbstauferlegten Aufgabe, sie in ihren schwachen Momenten einzufangen, um einen Blick hinter ihre Fassade zu werfen. Wie ein stiller Schatten taucht sie in den Panels der anderen Figuren auf und verschwindet sogleich wieder, sobald sie ein Bild von ihnen gemacht hat. Während sie anhand ihrer Fotos die Menschen beschreibt, geht sie als Figur dabei etwas verloren. Erst, als sie in einem mehrseitigen Prosatext beschreibt, wie ihr Leben verlaufen ist und wie sie zum Fotografieren gekommen ist, findet auch der Leser einen Zugang zu Camille. Trotzdem blieb sie mir - im Gegensatz zu den anderen Charakteren - immer irgendwie fremd, auch wenn nun einen Hinweis auf ihre Beweggründe hatte, blieb sie bis zum Schluss irgendwie weniger menschlich als die anderen.

Vincent: Einer der wohl eindringlichsten Charaktere in "Jäger und Sammler" ist der Kieferorthopäde Vincent, der von seiner Frau getrennt in einem großen Haus am Meer wohnt und hin und wieder seine Tochter im Teenager-Alter zu Besuch hat.  Vincent kann einfach nicht aus seiner Haut: Einerseits findet er seine Exfrau schrecklich und seine Tochter mit ihrer Handy-Sucht und ihren belanglosen Problemen furchtbar nervig, andererseits liebt er sie beide und kann sich nicht vorstellen, welchen Sinn sein Leben außerhalb des verloren gegangenen Familienlebens noch hat. Die
Frauenbekanntschaften, die er macht, sind nicht das Wahre, seine Freunde sind ihm alle viel zu anstrengend, und zu allem Überfluss ist er in dem großen Haus auch noch schrecklich einsam und weiß nicht wohin mit sich. Wie ein Einsiedler scheint er die Verbindung zur Welt und seinen Geschöpfen verloren haben - denn nicht einmal mit der Katze seiner Tochter mag er sich richtig anfreunden. Und seinen Job als Kieferorthopäde findet er auch nicht besonders. Mit der Zeit kann man Vincent dabei beobachten, wie einer schleichenden, rauen Verzweiflung anheim fällt und sich im Leben zusehends verlorener fühlt. Gut geht es ihm in den Erinnerungen, die er mit seinem Bruder hat, als sie beide noch jung und bei den Frauen beliebt waren. Vincents Schicksal ist kein Einzelfall. Während manche Menschen im Alter ihren Frieden finden (siehe Louis), ist es für die meisten unerträglich, über das "Was-wäre-gewesen-wenn" nachzudenken und all die verpatzten Chancen zu sehen, die sie möglicherweise in ein glücklicheres Leben geführt hätten.

Louis: Der alte Mann Louis war früher Gewerkschaftsmitglied und als solches auf vielen Demonstrationen vertreten. Er hat sein ganzes Leben lang für die Dinge gekämpft, an die er glaubt, und hat dafür alles eingesetzt. Und doch hat es ihm nicht geholfen, seinen 12 Jährigen Sohn vor dem Tod zu bewahren. Jetzt, mit über achtzig, hat Louis all das hinter sich gelassen. Er hat so viel gekämpft in seinem Leben, dass nicht einmal mehr die Bemühungen seines Ziehsohns Antoine ihn
dazu überreden können, an der Demonstration gegen den neuen Flughafen teilzunehmen: Für ihn ist es jetzt ein für alle mal genug. Im Vergleich zu den anderen Charakteren wuchs mir Louis ganz besonders ans Herz. Seine ruhige, gutmütige Art und sein Verständnis von der Welt, das von viel Weisheit geprägt ist, bilden einen sanften Gegenpol zu den Geschichten der anderen. Dabei hat er in seinem Leben mindestens genau so viele - oder wenn nicht sogar noch mehr - Rückschläge einstecken müssen: Nach dem Tod seines Sohnes zerbrach die Ehe mit der Frau, die er liebte, an der Trauer. Als ehemaliger Wahlkampfleiter der neuen Staatssekretärin Cathrine, die für ihn immer wie eine Tochter war, blickt er auf eine langes, politisch aktives Leben mit zahlreichen sozialen Kontaken und Freundschaften zurück - heute meldet sich Cathrine nicht einmal mehr zu Weihnachten bei ihm. Und trotzdem trägt er all das mit einer müden Gelassenheit fernab von Trauer, Reue oder "Was-wäre-wenn". Louis hat seinen Frieden mit dem Leben gemacht - und dieser Friede springt über die glatten Buchseiten sanft auf den Leser über. Ein toller Charakter!

Zeichenstil ♥♥♥♥♥

Der portugiesisch-französische Autor und Zeichner Cyril Pedrosa hat lange Jahre für Walt Disney gezeichnet, bevor er sich 2006 ganz seinem eigenen Werk widmete. Er war unter anderem an den Zeichnungen für Hercules und Der Glöckner von Notre Dame beteiligt.Während man seine Vergangenheit bei Disney irgendwie noch in seinen Zeichnungen spüren kann, hat er es dennoch geschafft, einen komplett eigenen, individuellen Stil zu entwickeln. Pedrosa schafft es auf einzigartige Weise, den Figuren Leben einzuhauchen, ihre Emotionen in Gesichtern und Haltungen einzufangen und sie auf realistische Weise umzusetzen. Er arbeitet dabei mit vielen, sehr präzise
gesetzten Strichen, die manchmal den Eindruck erwecken, als hätte er sie eben gerade aus der hohlen Hand mit einem Kugelschreiber geschaffen, den er gerade zufällig bei sich hatte. Damit meine ich nicht, dass es schludrig aussieht: Im Gegenteil! Sein Zeichenstil ist liebevoll, aber eben punktgenau, so als wüsste er noch mit verbundenen Augen, wo er welchen Strich setzen muss, damit ein Bild perfekt wird. Gerade in den Panels von Louis sind die Hintergründe unglaublich detailreich gestaltet und geben dem Leser damit Anlass, zu verweilen, und sich einfach nur in Ruhe umzuschauen. Pedrosa besitzt eine wahnsinnig gute Beobachtungsgabe, was ihn wohl mit seiner Fotografin Camille verbindet. Jeder Hintergrund, egal ob es ein Raum ist oder die Ubahn von Paris, scheint wie ein Abbild der Realität. Die Einrichtungen, die Kleidung, die kleinen Details an den Häusern, die Menschen, die Gegenstände, die wie rein zufällig auf irgendeinem Tisch zu sehen sind - Pedrosa muss ein absolutes Auge für Details haben, wenn er es schafft, die Wirklichkeit zum Teil so genau abzubilden wie in "Jäger und Sammler". Außerdem ist seine Farbarbeit einfach der Wahnsinn. Zwischen grell-gelb, angenehm pastellfarben und düster bis grau oder sogar schwarz: Die Farbgebung seiner Panels passt sich stets dem Charakter, der Stimmung und der Jahreszeit an und schafft es, die Gefühle des Lesers in Bezug auf die abgebildete Szene so zu lenken, wie es ihm gerade passt. "Jäger und Sammler" ist von Anfang bis Ende ein absoluter Augenschmaus!

Handlung ♥♥♥

In Cyril Pedrosas "Jäger und Sammler" verschmelzen mehrere Erzählebenen auf geschickte Weise miteinander. So umspannen die Geschehnisse der Graphic Novel etwa genau ein Jahr: Angefangen von Herbst bis zum Sommer des nächsten Jahres. Zu Beginn jeder Jahreszeit, wird diese nicht nur mit einem ikonischen Bild, sondern auch mit einer Kurzgeschichte eingeleitet, die sich vom Aufbau her von den Panels der anderen Geschichten unterscheidet. Statt einer seitenfüllenden Anordnung der Panels, haben wir nur zwei relativ kleine, viereckige Panels auf jeder Seite, die ganz ohne Text oder Sprechblasen eine Geschichte aus der Steinzeit erzählen. Diese scheinen zunächst in keiner Beziehung zum Erzählstrang in der Gegenwart zu haben und scheint bloß da zu sein, um den Leser an den Menschen und seine Ursprünge zu erinnern. Dann kehren wir in die Gegenwart zurück und springen zwischen unterschiedlichen Perspektiven der Charaktere - geleitet von Fotografin Camille -
hin und her. Hat Camille ein Foto gemacht, wird der gezeichnete Teil der Graphic Novel von mehreren Seiten Prosa-Text unterbrochen, die näher auf das Innenleben, die Vergangenheit und die Gedankengänge der Charaktere eingehen. Diese sind zwar in der Regel recht gut geschrieben, halten sich aber zu sehr mit alltäglichen Belanglosigkeiten auf, als das sie meine Aufmerksamkeit lange fesseln konnten. Irgendwo ab der zweiten Hälfte des Buches habe ich mich dabei ertappt, wie ich die Prosatexte, die zum Teil bis zu vier Seiten lang sind, nur noch flüchtig überflogen habe, um zu Vincent und Louis zurückzukehren. Die Idee, Panels und Prosa zu verbinden, finde ich grundsätzlich sehr spannend - hier hapert es jedoch an der Umsetzung. Der Rest der Geschichte zieht sich über das Jahr hin und hat hauptsächlich die Charakterentwicklung der beiden Männer im Blick, schwenkt jedoch in manchen Situationen auch auf andere Randcharaktere und deren Empfinden. Eine wirklich spannende Geschichte darf man hier nicht erwarten - im Sinne des Slice of Life werden Familiengeschichten und Schicksale erzählt, die Beziehung zwischen Charakteren dargestellt und der Sinn des Lebens hinterfragt, bezogen auf einen bestimmten, vom Autor gewählten Abschnitt ihres Lebens. Ich habe die Zeit mit Louis und Vincent, Antoine und Camille sehr genossen, sie haben mir ruhige, besinnliche Stunden beschert, doch eine Handlung mit üblichem Spannungsbogen wird man hier nicht finden. Die Conclusio auf den letzten Seiten der Graphic Novel hat mich jedoch sehr beeindruckt und mich mit leichtem Wehmut die Buchdeckel schließen lassen.

Gesamtwertung ♥♥♥♥

"Jäger und Sammler" von Cyril Pedrosa ist rein künstlerisch ein ganz tolles Werk. Der Zeichner hat unglaubliches Talent die kompliziertesten Zeichnungen einfach und zugleich wunderschön aussehen zu lassen, der Erzählstil und der detailreiche Aufbau der Panels zeigt, dass der Autor bzw. Zeichner eine große Beobachtungsgabe besitzt und im alltäglichen Leben so gut wie alles in sich aufnimmt. Die Charaktere sind lebendig, realistisch und erfüllt von den selben Wünschen und Ängsten, wie sie in unserer Gesellschaft nicht selten zu finden sind. Fotografin Camille führt uns mit ihren Fotografien und anschließenden prosaischen Exkursen in das Leben der einzelnen Figuren und lässt uns hautnah daran teilhaben. Leider ist der Inhalt ihrer Exkurse selten originell und beschäftigen sich häufig mit - für den Leser - belanglosen Gedanken. Mit bis zu vier Seiten sind die Prosa-Abschnitte, die die Graphic Novel unterteilen, oft zu lang und nehmen viel Schwung aus dem sonstigen Lesefluss heraus. Einen Spannungsbogen darf man auch nicht erwarten, denn es handelt sich um klassisches "Slice of Life", das heißt, es stellt einen bestimmen Lebensabschnitt der Figuren da und fokussiert auf deren Entwicklung und Beziehung zu anderen Figuren. Nichtsdestotrotz war es eine absolute Lesefreude, Louis, Vincent und Co. in diesem Jahr zu begleiten, ihre Sorgen und Ängste zu kennen zu lernen. "Jäger und Sammler" schafft es auf jeden Fall, den Blick eines Lesers für die Befindlichkeiten und Sorgen der Menschen in seinem Umfeld zu schärfen, indem es die Einzelschicksale mehrerer, scheinbar absolut zufälliger Menschen emotional erlebbar macht.



Vielen herzlichen Dank an den 
Verlag für das Rezensionsexemplar!



- Eure Bücherfüchsin

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