Sonntag, 25. Februar 2018

[Rezension] Greg Weisman: World of Warcraft - Traveler (Bd. 1)

World of Warcraft - Traveler (Bd. 1)

Autor: Greg Weisman
Illustrationen: Samwise Didier

Genre: Abenteuer, Fantasy, Jugendbuch
Empfohlenes Lesealter: 10 Jahre
Erschienen: 27. Juli 2017
Seiten: 448
Einband: Broschiert
Verlag: Fischer Verlag
ISBN: 978-3-7335-0391-8
Preis: 12,99€ [D] | 13,40€ [A]

Rating: ♥♥


Inhalt

"Der zwölfjährige Aram hat seinem Vater nie verziehen, dass er ihn und seine Mutter im Stich gelassen hat. Als Kapitän Dorn acht Jahre später plötzlich wieder auftaucht, Aram auffordert, sich seiner Crew anzuschließen und die Meere Azeroths zu durchkreuzen, ist er alles andere als begeistert. Und dann wird das Schiff von Piraten überfallen und Aram ist plötzlich auf sich allein gestellt. Zum Glück ist er im Besitz von Dorns Kompass gelangt. Doch der zeigt dummerweise nicht nach Norden, wie es jeder anständige Kompass tun sollte. Und so führt er Aram nicht zurück in die Heimat, sondern direkt in sein allergrößtes Abenteuer!" - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥♥♥

Das Cover des ersten Bandes von "World of Warcraft - Traveler" ist wunderschön. Als ehemalige und leidenschaftliche World of Warcraft Spielerin sind mir die Artworks des Spiels nur allzu bekannt - und Blizzard-Künstler Samwise Didier schafft es auf wunderbare Weise das fantastische Artwork zum Spiel mit einem bunten, kindlichen Einschlag genau in die Richtung zu drängen, in die das Buch will: Gleichermaßen Spieler des wohl größten Online-Rollenspiels (MMORPG) der Spiele-Branche wie junge Leser ab 10 (bzw. 12) Jahren anzusprechen - oder im besten Fall Leser/innen, die beides in sich vereinen. Ich für meinen Teil liebe das Artwork des Covers: Die geschwungenen und zugleich klaren Konturen, die bunten, aber nicht zu knalligen Farben, die perfekt getroffenen Figuren. Im Vordergrund, ganz unverkennbar und zentral, der Hauptcharakter Aramar Dorn in dem viel zu großen Seefahrer-Mantel seines Vaters mit dem Kompass in der Hand, um dem sich die Geschichte rankt. Links hinter ihm der kleine Murky - ein Murloc, der sich sogar im Spiel selbst einer großen Beliebtheit erfreut und dort als Haustier verfügbar ist. Und rechts hinter ihm der Taure Wildbart, der eins zu eins so getroffen ist, wie ein Taure nunmal auszusehen hat. Was ich nur nicht ganz verstehe ist, warum gerade er es auf das Cover geschafft hat. Wildbart ist kein wesentlicher Nebencharakter und hat nur etwa einen 20-seitigen Auftritt im Buch. Viel eher hätte ich es erwartet, Arams 'Schwester' Makasa oder den Gnoll Hackel auf dem Cover zu sehen, die eine wesentlich größere Bedeutung für Aram haben. Dass Makasas wahres Aussehen für den Leser verschleiert bleiben soll, leuchtet mir ein - es ist sozusagen ein Runnig Gag des Buches. Dennoch halte ich den Tauren weiterhin für eine seltsame Wahl. Vielleicht sind Tauren aber auch einfach spannend anzusehen.

Charaktere ♥♥♥♥

Aramar Dorn: Der 12-jährige Aramar Dorn ist gegen seinen freien Willen Teil der Schiffsmannschaft der "Wellenschreiter", dem Handelsschiff seines Vaters. Nachdem sein Vater ihn und seine Mutter noch vor seinem 6. Geburtstag im Stich ließ und daraufhin nie wieder meldete, ist Arams Wut auf ihn, Kapitän Greydon Dorn, riesig und absolut verständlich. Und dann wagte er es auch noch, eines Tages wieder vor der Tür zu stehen und zu verlangen, das sein Sohn ihn ein Jahr lang auf See begleitet. Zu Beginn des Buches hatte ich meine Probleme mit Aram warm zu werden: Einerseits verstand ich seine Wut auf seinen Vater, der jedoch alles andere als ein böser Mensch zu sein schien, andererseits ging mir seine bockige Art, sein ewiges Selbstmitleid und seine Einstellung, sich nicht einmal zu bemühen, furchtbar auf die Nerven. Dies änderte sich nach etwa einem drittel des Buches, nachdem er und seine Begleiterin Makasa das erste Mal ganz auf sich allein gestellt sind. Statt über Vergangenes und Verlorenes zu trauern, wie ich es eigentlich von ihm erwartet hatte, wächst Aram über sich selbst hinaus und wird - für meinen Geschmack - einen Tick zu schnell erwachsen. Für jüngere Leser bietet der angehende Held aber auf jeden Fall alles was er braucht, um der perfekte Protagonist zu sein: einen gewitzten Verstand, großen Mut, eine gesunde Prise Humor und ein gutes Herz. Zusätzlich besitzt er außerdem das große Talent des Zeichnens - und schafft es spielend leicht, all jene, die er zeichnet, genau so darzustellen, wie sie wirklich sind, oder aber so, wie sie gerne sein würden. Das Resultat seiner Zeichnungen bekommt der Leser parallel zum Text in seitenfüllenden Illustrationen vorgeführt, die - original von Blizzard-Zeichner Samwise Didier - einen wunderbaren Einblick in die Geschichte geben. Die Charaktere werden im Comic-Stil dargestellt und nehmen zwar der eigenen Fantasie das Aussehen der Figuren vorweg, doch empfand ich sie in diesem Fall weniger störend, sondern vielmehr als Gewinn für die Geschichte. Vor allem da sie gleichzeitig als wunderbare Schlüsselelemente den Plot unterstützen. Eine schöne Idee!

Makasa Flintwill: Genau wie bei Aramaer Dorn hatte ich mit Makasa zu Beginn der Geschichte noch so meine Zwistigkeiten. Als 2. Maat des Handelsschiffs ist sie Aram im Rang überlegen und lässt keine Gelegenheit aus, dies zu demonstrieren. Sie hat eine offene Abneigung gegen den Jungen und seine Art, schafft es aber irgendwie nicht, diese mal richtig zur Sprache zu bringen. Außerdem scheint sie ständig mit ihm um die Zuneigung des Kapitäns zu konkurrieren. Sie ist einfach ein typisches Beispiel für 'Harte Schale, weicher Kern', das biestige 17-jährige Mädchen, das alles besser weiß, nur hin und wieder mal nett ist und sich zum Schluss als eine ganz Liebe entpuppt. Trotzdem überraschte sie mich - denn je weiter die Geschichte voran schritt, desto weniger nervig fand ich sie. Makasa ist eine wahnsinnig loyale Seele und eine sehr begabte Kämpferin noch dazu. Dass sie älter ist als Aram und zugleich einen höheren Rang innehat, stieg ihr ab und zu zu Kopf, wohingegen Aram bald lernte, sich ihr gegenüber zu emanzipieren. Ihr mit der Zeit immer freundschaftlicher werdender Machtkampf hatte so immer wieder unfreiwillig komische Momente. Sie mag nicht mein liebster Charakter gewesen sein, aber mit der Zeit kam ich ganz gut mit ihr aus.

Murky: World of Warcraft - Traveler hat eine Menge liebenswürdiger Charaktere zu bieten. Umso schwerer fällt mir die Entscheidung, welchen ich euch hier noch genauer vorstellen möchte. Andererseits fällt es mir dann doch gar nicht so schwer, Murky zu wählen. Der kleine Murloc - eine fischartige Rasse mit lustiger gurgelnder Sprache - ist kein guter Fischer, obwohl er das eigentlich im Blut haben sollte. Stattdessen hat er eine Begabung, sich ständig in seinen eigenen Fischernetzen zu verheddern und sich dabei in brenzliche Situationen zu bringen. Mehr als einmal muss er von seinen neuen "Fronden" vor dem knappen Tod bewahrt werden. Er ist eine unfassbar treue Seele und von einer entzückend kindlichen Naivität, das man ihn als Leser/in ganz einfach ins Herz schließen muss. Da er die Gemeinsprache nicht beherrscht, sondern nur versteht - und andernfalls nur Murloc sprechen kann - sind die Missverständnisse vorprogrammiert, und seine kläglichen Versuche, den anderen Charakteren Gemeinsprache nachzusprechen, sind immer wieder für einen Lacher gut. Sie ziehen sich übrigens durch das ganze Buch und werden vermutlich noch in den nachfolgenden Teilen eine Konstante bleiben. Murky ist einfach nur niedlich und scheint als der perfekte Sidekick einfach aus einem Animationsfilm direkt in das Buch gepackt worden zu sein.

Schreibstil ♥♥♥♥

Generell liest sich World of Warcraft - Traveler wie ein guter Kinofilm. Die Sprache (auch wenn ich jetzt nur von der Übersetzung sprechen kann. Diese stammt aus der Feder von Andreas Kasprza) ist für einen Jugendroman, der an 10 - 12-jährige Leser gerichtet ist, überraschend melodiös und künstlerisch, ohne dabei an notwendiger Einfachheit zu verlieren. Sie zu lesen ist also nicht nur für Kinder leicht verständlich, sondern auch für Erwachsene ein leichter Genuss. Der Autor schafft es spielend leicht, die Geschehnisse mit Worten so einzufangen, dass sie wie plastisch vor dem Inneren Auge des/der Rezipient/en/in erscheinen und damit wie von einer Leinwand projiziert wirken. Auch ohne Aramars Zeichnungen wäre es ein leichtes, sich die Charaktere und ihre Handlungen bildlich vorzustellen. Ein wenig kritisch betrachte ich jedoch die recht expliziten Formulierungen von Gewalt, die in World of Warcraft - Traveler trotz seiner kindlich anmutenden Ästhetik keine Seltenheit sind. Da fliegen schon Mal Köpfe und Gliedmaßen, es werden Bäuche aufgeschlitzt, Dolche zwischen Rippen gerammt und der Untote verliert ständig seine Gliedmaßen (okay, das ist lustig). Obwohl ich als Erwachsene damit weniger Probleme hatte - und im Gegenteil sogar überrascht war, über die Spannung die das Buch so für mich aufbauen konnte -, halte ich 10 Jährige als Zielgruppe etwas zu jung. Es kommt natürlich immer auch auf den Grad der Aufklärung und der 'Abhärtung' des Kindes an - manche Eltern sind da liberaler als andere - doch für jemanden, der sonst relativ wenig mit Blut und Gemetzel zu tun hat, rate ich, vielleicht noch ein paar Jahre zu warten. Es ist jetzt kein Splatter im Sinne Tarantinos, denn der Autor geht nicht ausführlich ins Detail, aber manche Formulierungen waren doch schon hart an der Grenze. Ein wenig verwirrend waren auch die ständigen Perspektivenwechsel: Der Großteil des Buches beschränkt sich auf die in 3. Person formulierte Perspektive Arams, doch hin und wieder gibt es - zwar in eigenen Absätzen, dennoch gestreut und verwirrend - einen Perspektivenwechsel auf einen der anderen Charaktere (auch der Bösewichte), der dann viel zu kurz ausfällt. Ein regelmäßiger Perspektivenwechsel zwischen zwei oder drei Charakteren hätte ausgereicht, so fühlte es sich manchmal etwas zerschnippselt an.

Handlung ♥♥♥♥

Für mich zog sich die erste Hälfte des Buches wahnsinnig, weshalb ich überraschend lange gebraucht habe, um überhaupt mit den Charakteren und der Handlung warm zu werden. Danach ging alles relativ schnell und ich war zum Schluss sogar etwas traurig, dass es vorbei sein sollte - und wollte am liebsten gleich den zweiten Band in Angriff nehmen (der übrigens schon im April erscheint). Wir haben es bei World of Warcraft - Traveler mit der typischen Heldenreise zu tun: Der junge, unerfahrene Aramar Dorn muss sich von seinem Vater emanzipieren und eine Reise durch Kalimdor, den westlichen Kontinent Azeroths, an der Seite seiner neuen - und alten - Freunde bestreiten. Dabei lernt er immer mehr über sich selbst, das Land, die Völker und vor allem über seinen Vater, lernt, das Gelernte auch umzusetzen, und wächst mit der Zeit zu einer starken Persönlichkeit heran, die im absoluten Kontrast zu dem steht, wie er früher einmal war. Eine Gruppe schräger Bösewichte, die mich irgendwie hin und wieder an Team Rocket erinnert haben, weil ich sie einfach nicht schrecklich finden konnte, darf natürlich auch nicht fehlen. All das ist in keiner Weise neu, auch das Setting in der Welt von World of Warcraft ist keines, das noch nie da gewesen wäre. Wer also total überraschende Wendungen und Charaktere abseits der Prototypen erwartet, wird eventuell enttäuscht werden. Nichtsdestotrotz schafft es Weisman spielend leicht, aus altbekanntem Stoff eine neue, fantastische und für jung und alt spannende Geschichte zu schaffen, die jeden mitreißen kann, der sich ein bisschen auf sie einlässt. Oder einfach ein Fan von World of Warcraft ist.

Gesamtwertung ♥♥♥♥

Ein Gedanke, der mir beim Lesen kam, war: Wie pädagogisch wertvoll kann etwas sein, das junge Leser dazu auffordert, ein Online-Spiel zu spielen, das zugegebenermaßen süchtig machen kann? Aber bei genauerem Hinsehen wurde mir schnell klar, dass das gar nicht der erste Sinn des Buches ist. Die Geschichte wäre auch ohne das Setting eine sehr gute - und es gibt an keiner Stelle im Buch die Aufforderung, selbst World of Warcraft zu spielen. Das hat meinen inneren Kritiker dann doch etwas befriedet. Auch wenn ich als ehemalige Spielerin irgendwie zugeben muss, dass das Buch die Sehnsucht nach Azeroth in mir geweckt hat. Einfach weil die Lore, die Welt, die Völker, die Kulturen und die Geschichten so wahnsinnig ausgefeilt und komplex sind. Weisman lässt es sich nicht nehmen, Azeroth von seiner schönsten Seite zu beschreiben und für Kenner des Spiels die unterschiedlichsten Insider und Easter Eggs zu hinterlassen. Gepaart mit seiner wunderschönen und doch einfachen Sprache, seinen liebenswerten Charakteren (Murky!) und der wirklich spannenden Geschichte, die mich zum Schluss hin einfach nur gefesselt hat, finde ich World of Warcraft - Traveler einfach nur ein gutes Buch, das es meiner Meinung nach verdient hätte, verfilmt zu werden. Nur der für mich sehr zähe Anfang, die zu Beginn nervigen Charaktere und die überraschend explizite Gewalt sind ein Grund für mich, dem Buch nicht die volle Anzahl an Punkten zu geben. Wer Lust bekommen hat, dieses Buch zu lesen, sollte sich auf jeden Fall weiterhin darüber im Klaren sein, dass Erwachsene nicht die erste Zielgruppe für Traveler sind. Wer sich darauf einstellt, kann mit einem spannenden Abenteuer rechnen, das - leicht zu lesen - eine gelungene Auszeit vom schnöden Alltag bietet. 

Ich danke den Fischer Verlagen für das Rezensionsexemplar!

Spannung
Romantik
//
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin

Popular