Sonntag, 31. Dezember 2017

[Rezension] [Graphic Novel] Hubert & Kerascoët: Schönheit

Schönheit

Autor(en): Hubert & Kerascoët
Zeichner: 
Kerascoët
Genre: Graphic Novel, Märchen
Erschienen: 15. Oktober 2013
Seiten: 160
Einband: Hardcover
Verlag: Reprodukt
ISBN: 978-3-943143-69-0
Preis: 36,00€

Rating: ♥♥




Inhalt

"Schönheit! Oh, wie sich das Mädchen Morue danach sehnt! Und siehe da, eines Tages soll ihr Wunsch in Erfüllung gehen: Eine Fee lässt sie in den Augen eines jeden Betrachters als strahlende Schönheit erscheinen. Doch die Schönheit hat ihren Preis! Von nun an muss Morue sich sämtlicher Männer aus nah und fern erwehren. Auch der junge Burgherr erliegt ihrem Liebreiz. Doch warum sollte man sich mit der Rolle der einfachen Burgherrin zufriedengeben, wenn man auch das Herz eines Königs erobern kann? Im Mittelpunkt von Huberts und Kerascoëts Erzählung steht die Frage nach der Schönheit und ihrer Wirkung auf uns: Wie verändert Schönheit den Menschen, dem sie zuteil wird? Und wie das Verhalten all derer, die ihn umgeben? In außergewöhnlichen Zeichnungen – reich an Bezügen zu Tausendundeiner Nacht und zur mittelalterlichen Buchkunst – präsentiert sich “Schönheit” als ebenso mitreißendes wie philosophisches Märchen voll rabenschwarzen Humors." - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥♥♥

Ihr könnt es euch sicher vorstellen, oder? Ich bin ein absoluter Cover-Genießer und bei diesem hier, bei dieser Schönheit von einem Cover, konnte ich nicht anders als zugreifen. Im Grunde ging es mir also ganz genau so wie den Männern innerhalb der Graphic Novel: Ich wurde vom äußeren Schein geblendet, war wie magisch angezogen von den großen runden Augen des Mädchens, ihrem langen geschmeidigen Haar und ihrer weißen Haut. "Oh, wie schön!", dachte ich mir. Wie ironisch einen dieses Cover einen also genau das vollführen lässt, was es in seinem Inneren so gnadenlos anprangert! Ich muss diesem Cover also nicht nur wegen seiner beinahe makellosen Gestaltung - ein wunderschönes Mädchen vor golden ornamentiertem Hintergrund, hinter ihr die gute (?) Fee -, sondern auch wegen seinen einschlagenden Message die volle Punktzahl geben. Einfach Bamm!

Charaktere ♥♥♥♥♥


Morue/Schönheit: Morue ist ein armes, hässliches Mädchen, das gemeinsam mit ihrer Mutter als Haushälterin in einem kleinen Dorf arbeitet. Da sie den ganzen Tag Fisch schuppen muss, hat ihre Haut den penetranten Geruch nach Fisch und Salz angenommen, weshalb die anderen Menschen sie meiden. Zudem hat sie abstehende Ohren und Glubschaugen, was ihr den Namen "Morue" (Dorsch / Kabeljau) eingebracht hat - und die Menschen dazu bringt, sich tagtäglich auf grausame Weise über sie lustig zu machen. Als sie eines Tages eine Fee trifft, die ihr den Wunsch unbeschreiblicher Schönheit erfüllt, wendet sich jedoch das Blatt - und das nicht nur für sie. Morue ist ein wahnsinnig toller Charakter, weil er weder schwarz noch weiß ist. Während man am Anfang noch großes Mitleid für sie hegt, steigt ihr die Macht, die mit der Schönheit einhergeht, irgendwann zu Kopf und sie entwickelt sich zu einer dieser Personen, die sie früher nie hatte sein wollen. Dabei verliert sie ihr weiches Herz aber niemals ganz. Im Zeichen der Armut oder der Not reagiert sie stets gutmütig und hilfsbereit, ist trotz allem immer noch bereit, Böden zu schruppen und essen zu kochen, wenn sie damit Menschen helfen kann. Die Schönheit, die sie so sehr begehrt hat, wird ihr sehr schnell zu einem niemals enden wollenden Fluch. Ein Fluch, der das ganze Land ins Chaos stürzt. Und doch verliert Schönheit niemals den Mut, den Lebenswillen oder ihren gütigen Kern, was sie zu einem sehr beständigen, sehr schönen Charakter formt, ganz gleich welches Äußere sie besitzt.



Eudes: Einer meiner liebsten Charaktere in der Graphic Novel ist der Ritter Eudes - der stärkste und tapferste Ritter im ganzen Königreich. Er ist der erste Mann, mit dem Morue ein "innigeres" Verhältnis eingeht und dessen Liebe für sie letztlich so fanatisch wird, dass er bald im Begriff ist, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, nur um sie zu haben. An ihm merkt man am schnellsten, dass es sich bei Morues Schönheit um einen lästigen Fluch handelt: Der sonst moralisch so integere, gutherzige und sanftmütige Eudes, der als Lehnsherr immer gut für sein Volk sorgt, dreht schon nach kürzester Zeit vollkommen am Rad, um die Bedürfnisse seiner Angebeteten zu erfüllen, dass er sich und sein Land in den finanziellen Ruin treibt. Aber Eudes ist auch derjenige, an dem man erkennt, dass trotz des Fluchs dennoch nicht alles verloren ist. Er erlebt ein rührendes und wunderbares Comeback, das die Hoffnung auf Erlösung für Morue letztlich doch nicht sterben lässt. Der Ritter ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten und besten Charaktere der Graphic Novel.


Claudine: Ein weiterer grandioser Charakter ist Prinzessin Claudine aus dem Südreich. Als Schwester des Königs steht sie oft im Schatten ihres regierenden Bruders, ist dafür aber die bessere Politikerin und der schärfere Geist. Einfach weil ich starke Frauenfiguren so sehr liebe, muss ich Claudine an dieser Stelle erwähnen. Ähnlich wie Morue ist auch sie nicht gerade mit einer strahlenden Schönheit gesegnet: Ihre Nase ist zu groß. Trotzdem hätte sie genug Bewerber gehabt, die sie geheiratet hätten - schließlich ist sie eine Prinzessin. Doch sie entschied sich dagegen, eine Hausfrau und Mutter zu werden und endete im Rat des Königs, wo sie die politischen Fäden zieht, bis irgendwelche dummen Hühner den Kopf des Königs verdrehen und ihr einen Strich durch die Rechnung machen. Claudine ist aufbrausend, doch niemals unüberlegt und setzt stets ihren Willen durch, egal was zählt. Ihr einziges Interesse gilt dem Land, dass sie regieren, und den Beziehungen zu anderen Königreichen. Ebenso wie Eudes ist sie kein von Grund auf schlechter Charakter - und als Frau kann sie sich Morues Schönheit mit Leichtigkeit entziehen. Sie schafft es sogar, den Fluch eine Weile lang für sich zu nutzen. Gegen Ende hin macht die starrköpfige, sture Prinzessin mit dem männlichen Bestreben eine ganz wunderbare Wandlung durch und erhält als eine der wenigen ein ganz persönliches Ende.


Zeichenstil ♥♥♥♥♥

Der Zeichenstil der beiden französischen Künstler unter dem Pseudonym Kerascoët hat mich schon einmal vollkommen für sich eingenommen: In einer anderen Graphic Novel namens "Jenseits", die ich hier auf dem Blog bislang noch nicht vorgestellt habe. Der Reiz, den der Stil der beiden Künstler ausmacht, basiert auf einer wundersamen Mischung zwischen märchenhafter Schönheit, kühler Abstraktheit und einem stets grausamen, abstrakten Moment der Entfremdung. Ein sehr präsentes Stilmittel ist dazu die Farbgebung, die zwischen strahlend bunten Farben, matten, müden Farben und einseitig bedrohlichen Farben wechselt: So sind die Panels, in denen Blut vergossen wird und Krieg herrscht oft in einem saftigen Rot-Ton gehalten, während sie in Momenten der Angst und der puren Verzweiflung ein kühles Blau-Grau annehmen, nur um ein paar Beispiele zu nennen. Auch die Darstellung der Morue schwankt häufig zwischen ihrem alten, hässlichen Dasein und ihrer neugewonnenen Schönheit hin und her. Während der Leser weiß, wie schön und berauschend sie auf die anderen Charaktere wirkt, gibt es dennoch Momente, in denen wir sie als das sehen, was sie wirklich ist. Oft in Momenten in denen sie ganz ist, wie sie wirklich ist, nämlich ein ungebildetes, liebevolles und unsicheres junges Mädchens - oder wenn sie zu sehr überzeugt von ihrer eigenen Schönheit ist, dass sie darüber den Kopf verliert; dann wirkt ihre wahre Hässlichkeit wie ein erinnernder Kontrast zu ihrer falschen Schönheit. Manchmal, wenn sie jedoch einen Moment der sanften Anmut hat, wenn ihr Charakter selbst einen Augenblick wie makellos erscheint, sehen wir sie in ihrer atemberaubenden Schönheit, so als strahle ihr schönes Inneres nach außen und mache sie zu dem, was sie immer sein wollte: schön. All diese Form- und Farbspielereien paaren sich mit einer unglaublichen Detailverliebtheit, bei der selbst im Hintergrund des kleinsten Panels ein Hinweis verborgen liegen kann. 

Handlung ♥♥♥♥♥


Aufgeteilt ist die Handlung des großen, 160 Seiten schweren Buchs in insgesamt drei Abschnitte, deren Kurzbeschreibungen bereits zu viel des Spoilers wären. Anhand der Motive und Abläufe lässt sich recht schnell feststellen, dass es sich mehr oder weniger um ein klassisches Märchen handelt: Wir haben eine Heldin, wir haben ein Königreich, eine aufstrebende Prinzessin und das Wichtigste - wir haben eine Moral von der Geschicht, wie sie in jedem guten Märchen vorhanden ist. Hubert & Kerascoët spicken die Handlung des traditionellen Märchens mit modernen Fragestellungen und Problemen, mit viel schwarzem Humor und auffallend wenig Kitsch. Im Gegenteil: Hier ist nichts verträumt, nichts unschuldig verklärt, hier wird eine verdorbene Welt dargestellt, die auf der Jagd nach der perfekten Schönheit nur noch verdorbener wird. Auf 160 Seiten wird die Handlung dabei überraschend konkret, weit verschnörkelt und nimmt sich viel Zeit, einzelne Szenen zu wirken, die dem Leser unmissverständlich im Gedächtnis bleiben. So zum Beispiel die Masse an hungrigen, gierigen Männern (siehe Bild rechts), die Morue an die Wäsche wollen, nur weil sie plötzlich die schönste Frau der Welt ist. Nur noch als schicker Gegenstand wahrgenommen, als Hülle und nicht mehr als denkendes, fühlendes Wesen, wird Schönheit vollkommen auf ihr Äußeres reduziert und damit enthumanisiert. Der Schock liegt auch dem Leser schwer im Magen, denn die Autoren zeigen uns hier die Abgründe der Menschheit auf, denken einen Gedanken und einen Ansatz zu Ende, der so bereits in unserer Gesellschaft existiert. 


Gesamtwertung ♥♥♥♥♥

Als ich "Schönheit" das erste Mal aufschlug, machte ich mich auf eine grausame Geschichte gefasst. Nicht etwa im Sinne einer schlechten Geschichte, sondern vielmehr im Sinne einer unfairen, düsteren Geschichte, die einem einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge hinterlässt. Ich wurde nicht enttäuscht. Diese Graphic Novel ist tatsächlich von Zeit zu Zeit kaum zu ertragen - doch sie gibt dem Leser auch immer einen kleinen aber feinen Hoffnungsschimmer auf den Weg, der ihm dabei Hilft, die Geschichte bis zum Ende durchzustehen. Und tatsächlich: Wer durchhält, wird belohnt. "Schönheit" ist die Geschichte eines armen, hässlichen Mädchens, das sich Schönheit wünscht und sie bekommt - doch die Auswirkungen auf sie und ihre Umgebung sind ungeahnt schrecklich. Jemand, der so über alle Maßen und unnatürlich schön ist, kann in einer Welt keinen Bestand haben, für die "schön" nur ein Erscheinungsmerkmal und keine Charaktereigenschaft ist. "Schönheit" erzählt die Geschichte unserer Gesellschaft, und doch auch wieder nicht. Diese Graphic Novel ist voll von Ehrlichkeit, schwarzem Humor, grausamer Wahrheit und wiedergefundener Hoffnung - sie ist das beste, was ich in diesem Genre bislang habe lesen dürfen.



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- Eure Bücherfüchsin

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