Freitag, 29. Dezember 2017

[Rezension] Diana Gabaldon: Outlander - Die geliehene Zeit (Bd. 2)


Outlander - Die geliehene Zeit (Bd. 2)

Autor: Diana Gabaldon
Genre: Historisch, Abenteuer
Erschienen: 2. November 2015
Seiten: 1232
Einband: Taschenbuch
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3-426-51810-6
Preis: 16,99€ [Print] | 12,99€ [eBook]

Rating: ♥♥




Inhalt

"Schottland, 1968: 20 Jahre nachdem Claire Randall aus der Vergangenheit zurückgekehrt ist, bringt sie ihre Tochter Brianna in die Highlands, denn Brianna soll endlich das Land ihres Vaters kennenlernen. Claire will außerdem die Antwort auf eine Frage finden, die sie seit über 20 Jahren quält: Konnte ihre große Liebe Jamie Fraser die schreckliche Schlacht von Culloden überleben?" - Quelle: Verlag


Cover ♥♥♥♥

Wer meine Rezension zu Band 1 gelesen hat, der wird wissen, dass ich von seiner Aufmachung nicht allzu begeistert bin: Es ist super schlicht gehalten, was die Farbe zum Hauptmotiv des Covers werden lässt. Dabei sind die leicht aus dem Cover herauskommenden Verzierungen und die aufgedruckte Buchschnalle das einzig Besondere an dem 1200-Seiten-Wälzer, den ich so unter Umständen vermutlich nicht einmal in die Hand genommen hätte, wüsste ich nicht bereits um die Genialität des Inhalts. Das aufdringliche Orange, das den zweiten Band vom ersten unterscheidet, lindert meinen Unmut dabei leider nicht im geringsten. Im Gegensatz zum milden Himmelblau des ersten Bands, fehlt der unnatürlichen Farbe irgendwie die mysteriöse Zurückhaltung. Andererseits, und da bin ich ebenfalls ehrlich, wüsste ich auch nicht, wie sich ein so umfangreiches Buch wie dieses - und jedes weitere der Reihe - gebührend in einem einzigen Cover zusammenfassen ließe. Die Wahl eines schlichten, hübschen Covers mit historisch anmutender Buchschnalle scheint mir daher nach Monaten, die ich mit dem Buch verbracht habe, die richtige zu sein. Bloß die Farbe hätte meiner Meinung nach ruhig etwas weniger grell und unnatürlich ausfallen können.

Charaktere ♥♥♥♥♥

Claire Randall Fraser: Claire ist nach wie vor eine der stärksten, spannendsten und zugleich lebendigsten Frauenfiguren unserer Zeit. Mit dem Scharfsinn und der Stärke einer intelligenten, emanzipierten Frau, wie sie ihrer Zeit (und damit meine ich wortwörtlich ihrer Zeit 1945) um einiges Voraus ist, manövriert sie wie selbstverständlich zwischen den politischen Intrigen und blutigen Ausschreitungen eines Europas im 1800 Jahrhundert - egal ob am Hofe des französischen Königs Ludwig XV. in Paris oder im Matsch zwischen Horden von ungewaschenen Highlandern, Claire bewahrt stets Ruhe, weiß immer Rat und und tut stets was sie kann, um ihre Lieben zu schützen oder zu unterstützen. Und dabei ist sie keineswegs perfekt. Sie begeht sehr wohl Fehler, die ihr im Laufe des Buches äußerst teuer zu stehen kommen. Vermittelt aus ihrer Perspektive erleben wir die Abenteuer von Claire und ihrem Mann im zweiten Band mindestens genauso hautnah, wie noch im ersten - unser Wissensstand ist stets der selbe wie der unserer Protagonistin, wodurch wir gezwungen werden, Intrigen und Erkenntnisse zeitgleich mit ihr zu erfahren, zu verarbeiten und weiterzudenken. Es ist eine Freude, einen so unerschütterlichen Geist wie Claire über tausende von Seiten zu begleiten, mit ihr zu rätseln, zu lieben, zu trauern und jede Gefühlsregung so wahrzunehmen, als sei sie die eigene. Gleichzeitig kann man von ihr unfassbar viel lernen, denn nicht selten unterscheidet sich ihre Reaktion von der eigenen dadurch, dass sie oftmals viel bedachter, viel erwachsener handelt, als man selbst in einer solchen Stresssituation vielleicht gehandelt hätte. "Was würde Claire Fraser tun?" erscheint mir im Hinblick auf eine so wunderbare und vorbildhafte Frauenfigur wie Claire als ein durchaus legitimes Lebensmotto! :)

James 'Jaime' McKenzie Fraser: Wer glaubt, dass ich in Hinblick auf Claire schon zu sehr ins schwärmen geraten bin, der sollte diesen Teil möglicherweise überspringen: Was gibt es über Jaime Fraser mehr zu sagen, als dass er ein absolut unrealistisches, viel zu perfektes Männerbild suggeriert, das einem im Leben nichts anderes als falsche Hoffnungen machen kann? Nein, mal im Ernst - Jaime ist einfach ... Jaime. Er entspricht nicht nur äußerlich den feuchten Träumen einer jeden Frau (hochgewachsen, breitschultrig, hünenhaft, muskulös, rothaarig, blauäugig, hübsch, stark, kampferprobt, ...), er besitzt auch einen beinahe makellosen Charakter. Er ist wild, entschlossen, stark, scharfsinnig, humorvoll, kindlich, manchmal etwas hilflos naiv, folgt jedoch immer seinem unanfechtbaren Moralkodex ... ist ja gut, Jaime ist einfach perfekt. Und während ich mich in anderen Büchern oftmals darüber aufrege, so kann ich nicht anders, als ihn dafür zu lieben. Bei Diana Gabaldon heißt perfekt nämlich nicht zwangsläufig makellos. Jaime kann nicht alles, er weiß nicht alles und er begeht, genau wie Claire, Fehler, die ihm den Kopf kosten können. Obwohl er wie der wahrgewordene Traum erscheint, bleibt er in seinem Charakter stets menschlich, nachvollziehbar und angreifbar, er wirkt lebendig, wie eine Figur, die es so tatsächlich einmal gegeben haben könnte. Diese Gratwanderung ist es, die Diana Gabaldons Romane so erfolgreich machen: Ihre perfekten Charaktere sind nicht unerreichbar und übermenschlich, sondern vermitteln das Gefühl, realistisch und echt zu sein, so als bestünde die Hoffnung, einem Jaime oder einer Claire irgendwann einmal zufällig auf der Straße zu begegnen. Der zweite Band vermittelt dieses Gefühl sogar noch wesentlich mehr, als es der erste getan hat.

Schreibstil ♥♥♥♥

Diana Gabaldon bleibt ihrem Schreibstil im zweiten Band mehr als nur treu. Ich habe selten ein Buch lesen dürfen, das so detailliert geschrieben und dabei so feingliedrig durchdacht ist. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie viele hundert Stunden die Autorin damit verbracht haben muss, all diese kleinen historischen Details rund um Heilkunde, Kräuterkunde, Kriegskunst oder Kochkunst des 18. Jahrhunderts in Frankreich und Schottland zusammenzusammeln und unbemerkt in ihren Roman einflechten zu lassen. Sicher, viele dieser Details könnte sie sich auch ausgedacht haben, dafür erscheinen sie mir jedoch zu durchdacht und gleichermaßen realistisch. Beantworten kann dies nur ein Experte in Sachen schottischer bzw. französischer Geschichte - und da ich ein solcher nicht bin, vertraue ich auf meinen gesunden Menschenverstand und das Know-How, das ein Autor bzw. eine Autorin mitbringen muss, die sich selbst aufbürdet, einen so detaillierten historischen Roman zu verfassen. Zugegebenermaßen war es mir an Detailbeschreibungen in diesem Band manchmal um einiges zu viel - gerade in den Passagen, in denen Claire von den wahren Geschehnissen abgeschnitten bleibt, eben weil sie nur eine Frau ist, und stattdessen Bankette besucht oder grausige Wunden behandelt, waren voll von interessanten, aber Reiz überflutenden Informationen, die die Handlung nicht so recht weiterbrachten. In diesem Fall wirkte die Perspektive, die bis auf die Anfangs- und Endkapitel ausschließlich auf Claire festgesetzt ist, einschränkend für die Leseerfahrung. Viel lieber hätte ich mehr über die Verhandlungen und Gespräche erfahren, die Jaime  in dieser Zeit geführt hat. Der hohe Detailgrad führte bei mir auch dazu, dass ich regelmäßig ermüdete, weil sich die eigentliche, die spannende Handlung so sehr in die Länge zog. Ein Jahr habe ich gebraucht, um die 1200 Seiten hinter mich zu bringen - und es hat sich definitiv gelohnt. Einfach zu lesen war es für mich jedoch nicht immer.

Handlung ♥♥♥♥

Durch diese wahrlich große Leistung sehr detaillierter Beschreibungen zog sich die Handlung eben phasenweise um einiges in die Länge. Besonders Anfang und Ende sowie einige Passagen in Paris sind zum Teil sogar fürchterlich anstrengend, dass ich das Buch zum Teil mehrere Wochen weglegen musste, bevor ich es wieder in die Hand nahm. Die einzelnen Handlungsstränge, die parallel zur Haupthandlung ablaufen, sind so verworren und an so viele einzelne Namen geknüpft, dass es nicht ungewöhnlich ist, vieles nicht gleich beim ersten Lesen miteinander in Verbindung zu bringen. Gerade in Bezug auf die Pariser Intrigenschmiede eröffnet sich einem vieles erst beim zweiten Mal lesen, da bin ich mir relativ sicher. Die Handlung, der Plot, ist daher zwar in zwei bis drei Sätzen zusammengefasst (Claire und Jaime reisen nach Paris, um Bonnie Prince Charlie aufzuhalten), das gesamte Ausmaß der 1200 Seiten lässt sich jedoch nur schwer Revue passieren, ist wirr, durcheinander und von vielen Reisen, vielen Rückschlägen, vielen Abstechern, Umwegen und Gefahren geprägt. Und das ist mindestens genauso anstrengend, wie es sich jetzt gerade anhört. Hätten wir es jedoch mit einer einfachen, linearen Handlung zu tun, die ohne Umschweife auf 400 Seiten erzählt würde, so würde doch etwas fehlen. Der hohe Detailgrad, die zeitnahe, verworrene Erzählung und die hundertfachen Schleifen, die die die Handlung dreht führen erst zu der unfassbaren Nähe, die man zu den Charakteren und ihren Schicksalen erfährt. Mit Abschluss des Buches fühlt sich der Leser letztlich dann so erschöpft und durch die Mangel genommen, als hätte er das Chaos des Krieges und die Irrfahrten von Jaime und Claire am eigenen Leib erfahren.

Gesamtwertung ♥♥♥♥

Alles in allem hat mir der zweite Band der Outlander-Saga nicht ganz so gut gefallen, wie der erste. Dies lag hauptsächlich daran, dass der Detailgrad, die Verworrenheit und die kleinteiligen Beschreibungen für mich einfach ein bisschen zuviel an "Zuviel" waren. Während ich mit Claire also im politischen Sumpf am französischen Hof feststeckte, wollte ich mit ihr eigentlich viel lieber zurück nach Schottland. Die vielen hundert Namen und Gesichter, die ich mit genausten Beschreibungen während des Lesens kennengelernt habe, hatte ich nach den nächsten dreißig Seiten bereits wieder vergessen - und nur ein paar wenige sind mir letztlich im Gedächtnis geblieben. Doch alles hat seine guten und schlechten Seiten: So wäre Outlander ohne Diana Gabaldons außergewöhnlichen Schreibstil nicht Outlander. Es würde sich nicht so anfühlen, als stecke man mitten im Geschehen und als erlebe man alles hautnah mit, würde sie nicht so unfassbar viel Zeit in Gefühle, Gesichter und Beschreibungen stecken. Claire, Jaime, Charles und all die anderen Charaktere, die wir im Verlauf des Buches kennenlernen, würden sich nicht so unfassbar echt und lebendig anfühlen, wenn nicht durch die Kunst der Autorin, alles lebensgenau beschreiben zu können. Auch wenn das Buch meiner Meinung nach seine Längen hatte, so war der Großteil doch so spannend, atemberaubend, leidenschaftlich und dramatisch, wie ich es noch aus dem ersten Band großteils gewohnt war. Und nachdem es bereits 8 Bände der Outlander-Saga gibt, habe ich noch lange nicht das Gefühl, genug von Jaime und Claire zu haben. Nach der großen Anstrengung, die mich dieses Buch gekostet hat, werde ich jedoch erstmal eine kleine Pause brauchen, bevor ich mich erneut in die Gesellschaft der Sassenach und ihren Highlandern begebe. 



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- Eure Bücherfüchsin

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