Montag, 14. September 2015

[Rezension] Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Der Name des Windes

Autor: Patrick Rothfuss
Genre: Fantasy
Freigabe: keine
Erschienen: 2008
Seiten: 864
Einband: Hardcover
Verlag: Klett-Cotta (Hobbit Presse)
ISBN: 978-3-608-93815-9
Preis: 24,95€

Rating: 


Klappentext

Der Name des Windes erzählt die Geschichte von Kvothe, dem berühmtesten Magier seiner Zeit. Der Auftagt der Trilogie Die Königsmörder-Chronik.

Inhalt

"»Vielleicht habt ihr von mir gehört« ... von Kvothe, dem für die Magie begabten Sohn fahrender Spielleute. Das Lager seiner Truppe findet er verwüstet, die Mutter und den Vater tot - »sie haben einfach die falschen Lieder gesungen«. Wer aber sind diese Chandrian, die weißglänzenden, schleichenden Mörder seiner Familie? Um ihnen auf die Spur zu kommen, riskiert Kvothe alles. Er lebt als Straßenjunge in der Hafenstadt Tarbean, bis er auf das Arkanum, die Universität für hohe Magie aufgenommen wird. Vom Namenszauber, der ihn als Kind fast das Leben gekostet hätte, erhofft sich Kvothe die Macht, das Geheimnis der sagenumwobenen Dämonen aufzudecken. Im Mittelpunkt dieses Leseabenteuers steht ein großer Magier und leidenschaftlicher Wissenschaftler, ein Musiker, dessen Lieder die Sänger zum Weinen bringen ... und ein schüchterner Liebhaber." - Quelle: Verlag


Cover  

Das Cover von Der Name des Windes war für mich von Anfang an nicht ausschlaggebend für den Kauf. Ich war auf der Suche nach einem Fantasy-Wälzer a lá der Herr der Ringe oder Eragon und wurde auf dieses Buch lediglich aufmerksam, weil es so schön dick war (und es Nachfolge-Bände gab). Das Cover ist sehr einfach und schlicht gehalten, mit dem Titel-Emblem in der Mitte, dem Namen des Autors darüber und der Rückansicht eines Jungen/Mannes mit Umhang, Schwert und Stab. Im Hintergrund sieht man, wenn man genau hinsieht, verschnörkelte Worte einer fremden Sprache, sowie - ganz klein in der Ecke  - ein prächtiges Stadttor, auf das die selbe Gruppe von Menschen, wahllos mit Photoshop kopiert und eingefügt, mehrfach zusteuert. Schlichtheit ist hier für mich nicht das Problem (die Cover der Werke von Murakami sind auch allesamt schlicht, aber schön, gehalten), sondern der Anschein, dass bei der hiesigen Gestaltung anscheinend ein Laie am Werk war. Das Cover macht einfach nichts her, ist dafür aber auch nicht furchtbar hässlich - deswegen 3 solide Punkte von mir. 

Charaktere  

Kvothe: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mit Kvothe so meine Probleme hatte. Als wir uns zu Beginn der Geschichte in einer Schenke wiederfinden, in der ein mysteriöser, gut aussehender und schlagfertiger Magier die Rolle des Wirts übernahm, war ich ganz hin und weg von diesem Charakter. Er war genau die Art von Mann, die in mir Interesse weckt: freundlich, zuvorkommend, aber mysteriös-gefährlich, wenn man es schafft, die falschen Knöpfe zu drücken. Ich wollte unbedingt mehr über diesen gefallenen Helden erfahren, der aus einem Grund, der ihm sehr zu schaffen macht, nicht mehr zaubern kann. Und dann begann er einem reisenden Chronisten und seinem Lehrling Bast seine Lebensgeschichte zu erzählen - und Kvothe verlor jeden Reiz für mich. Zumindest der junge Kvothe - um den sich das Buch ganze 750 Seiten lang dreht -, während ich die restlichen 100 Seiten danach gierte, mehr Zeit mit dem erwachsenen Kvothe zu verbringen. Aber nein. Stattdessen kämpfe ich mich durch hunderte Seiten langes, zähes Geschwafel über einen unerträglich unsympathischen Jungen, der sich selbst stets für etwas Besseres hielt, sich in seinem Leid suhlte und - einfach alles konnte! Ja, alles! Er kann sich alles merken, lernt ganze Sprachen binnen weniger Tage, kennt sich (mit wohl bemerkt zarten 12 Jahren) mit allem aus (Überlebenskunst, Adel, Pferde, Sympathie/Magie, Mathematik, Geschichte, etc.), ist grandios in der Schauspielerei, weshalb die Menschen ihm alles glauben, er ist unglaublich geschickt - und zudem noch ein so begnadeter Musiker, dass jeder Mensch ihm zu Füßen liegt, wenn er die Laute in die Hand nimmt. Er wird der jüngste Student an der Universität seit jahren und überspringt mehrere Jahre Studienzeit innerhalb weniger Monate, nur, weil er so genial (und noch dazu gewitzt) ist. Ach, und verhalten tut er sich nicht wie ein Junge von 12 Jahren, sondern wie ein junger Erwachsener - aber hey, wenn es dann um Frauen geht, ist er plötzlich furchtbar, furchtbar schüchtern. Ich könnte nur so weiter machen und mich darüber beklagen, wie wenig Sympathie ich für diesen Charakter empfinde, durch dessen Augen ich die 850 Seiten lange Geschichte gerade erlebt habe. Überheblich, hochmütig und nur Dummheiten im Kopf, aber gleichwohl ein begnadetes Genie - ich kann darüber nur den Kopf schütteln. In der Welt des Rollenspiels nennen wir so einen Charakter UBER - er kann alles. Aber wo sind seine Schwächen? Seine Schüchternheit bei Frauen und seine bittere Vergangenheit kann ja wohl nicht alles sein ... Bitte, gebt mir den erwachsenen Kvothe wieder!

Denna: Kvothes Herzensdame (,die auf Seite 500 erst wirklich wichtig wird...). Als er beginnt von ihr zu erzählen, muss er eine Weile innehalten, um die passenden Worte für sie zu finden, denn laut ihm ... gibt es keine, die ihr wahres, wildes Wesen wirklich in Worte fassen könnten. Mit diesen Erwartungen wurden wir an Denna herangeführt ... und ich wurde enttäuscht. Sicher, sie ist eine der sympathische Figur, die keinesfalls auf den Mund gefallen ist und Kvothe mehr als nur einmal verbal die Stirn bietet. Außerdem ist sie schwer zu finden und hat (aus diversen, verständlichen Gründen) immer einen anderen Mann an ihrer Seite. An mehreren Stellen macht sie unmissverständlich klar, dass sie Kvothe einfach unwiderstehlich findet und ihn für sein Verhalten, sein wunderschönes Äußeres und sein mysteriöses Auftreten vergöttert. In dem Moment konnte ich nur noch den Kopf schütteln. Eine der wenigen, sympathischen und "emanzipierten" Figuren im Buch vergöttert den absolut unfehlbaren Hauptcharakter ... plötzlich kam sie mir nicht halb so emanzipiert vor, wie ich dachte. Im Grunde ist sie ein Mädchen, das von der Aufmerksamkeit der Männer lebt - und daran ist nichts so "unbeschreiblich", wie der Protagonist uns glauben machen wollte. Nichtsdestotrotz mochte ich Denna, denn ihre Konversationen mit Kvothe waren immer geistreich und unterhaltsam. Außerdem war ihre Liebesgeschichte weder schnulzig noch anderweitig aufgeblasen, weshalb ich ihr ihre Schwäche für den unsympathischen Kvothe auch irgendwie verzeihen konnte. 

Schreibstil  

Patrick Rothfuss Schreibstil ist wirklich beeindruckend! Er ist geradlinig und fantasievoll, ohne dabei zu überladen oder verschnörkelt zu wirken. Es fällt dem Leser leicht, den roten Faden zu behalten und sich die Welt, wie Rothfuss sie sich vorstellt, bis ins kleinste Detail vor dem inneren Auge selbst zu erschaffen. Die Geschichte lebt in genau diesem Detail. Die einzelnen Nebencharaktere (die übrigens alle mehr individuellen Charakter besitzen als der junge Kvothe) mit ihren Namen und Eigenheiten, die Einblicke in den Unterricht an der Universität, die Beschaffenheit des Bartes eines Wirts auf der anderen Seite des Flusses. Der Autor lässt sich sehr viel Zeit damit, seine eigene Welt zu erschaffen und tut das so einfach und souverän, dass selbst Tolkien dabei sicher erblassen würde. Ich persönlich hatte gerade mit dieser Tatsache so meine Probleme: Es wurde mir an manchen Stellen einfach zu viel! Ich wollte endlich wissen, was das für eine Bedrohung ist, die von den Chandrian ausgeht. Ich wollte Spannung und Abenteuer, wie es sich für einen Fantasy-Roman gehört. Doch stattdessen wurde sehr genau darauf eingegangen, welche Fortschritte Kvothe an der Universität macht, welche Dinge er lernt, wie genau die Magie funktioniert. Das mag alles sehr schön und interessant sein und sicherlich von einer außerordentlichen Kreativität des Autors sprechen - doch mich als Leser ließ es dann doch einmal zu oft frustriert und gelangweilt zurück.

Handlung  

Was mich zur Handlung führt. Die war nämlich üppig und vollgeladen mit den einzelnen Schritten, die der junge Kvothe in seinem Leben macht, um ein begnadeter Magier zu werden ... doch statt eines klassischen Spannungsbogens, wie ihn die meisten (guten) Bücher in der Regel haben (sollten), begnügt sich Der Name des Windes damit uns alle 200 Seiten mal für wenige Seiten den Atem anhalten zu lassen, nur um dann wieder in den Alltagstrott eines mir absolut sympathischen Hauptcharakters zu verfallen. Einzig und allein die wenigen "Zwischenspiele" mit dem erwachsenen Kvothe in der Gegenwart und der Wunsch, mehr über die Bedrohung durch die Chandrian zu erfahren, hat mich dazu gebracht, durchzuhalten. Reisen, Alltag, Reisen, Alltag, Spannung, Lernen, Alltag, Reisen, Alltag, Spannung ...  Das reichte mir nicht. Mehr als nur einmal verlor der Protagonist seine Ziele aus den Augen, um aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen eine Dummheit zu begehen. Die Probleme und Steine, die dem genialen, alleskönnenden Kvothe dabei in den Weg gelegt werden, die Gefahren, mit denen er zu Kämpfen hat, kommen mir dabei so konstruiert vor, dass sie alle Authentizität einer "Biografie" ins Nichts verpuffen lassen. Frei nach dem Motto "Wenn Kvothe alles kann, dann muss er eben ein riesen Pech haben, damit es irgendwie spannend bleibt", spielen Zufälle hier eine größere Rolle als die Schwächen des Hauptcharakters. Und oftmals lässt das nicht nur Kvothe, sondern auch den Leser frustriert zurück, weil das eigentliche Ziel, das eigentlich Interessante, damit wieder in unerreichbare Weite rückt. Auch das Ende hat mich enttäuscht, denn da es sich nahtlos an die nachfolgenden Bände anschließt, kam es hier nicht zu einem, wie gewohnt, runden Abschluss, sondern es plätscherte genauso vor sich hin, wie der Rest des Buches. Ich hätte mir mehr erwartet!

Gesamtwertung 

Schade, nach all den guten Bewertungen, die mich damals zum Kauf von Der Name des Windes bewandert haben, und dem guten Start mit Erzähler "Meister Kvothe", hatte ich wirklich mehr erwartet. Rothfuss Schreibstil ist ohne Frage grandios und schön zu lesen, doch sein junger Hauptcharakter war mir zu unnatürlich begabt, zu unsympathisch und unreflektiert und dabei nicht genug ein Kind. Die Welt, die er geschaffen hat, ist aber ohne Frage einen Blick wert - und da ich unbedingt wissen will, warum Kvothe nicht mehr zaubern kann, werde ich mir die nächsten Bände auch noch zu Gemüte führen. Jetzt, wo ich weiß, was mich erwartet, bin ich vielleicht auch nicht mehr so enttäuscht vom Rest. Ich würde mir für die künftigen Bände mehr Spannung und eine enger zusammen gezurrte Story wünschen, die sich nicht allzu tief in Details verliert. Sporadisch alle paar hundert Seiten ein Abenteuer zu streuen macht für mich den Kohl nicht fett. Aber vielleicht muss man hier mit dem Autor nachsichtig sein: Er schrieb die gesamte Trilogie (in der deutschen Ausgabe eine Tetralogie, da der zweite Band in zwei Teilen erschienen ist) in einem Rutsch durch, ohne dabei daran zu denken, aus dem gesamten Dokument drei abgeschlossene Bücher zu machen. Vielleicht passiert es leicht, dass wenn man so massig viel Text produziert, der Spannungsbogen aus dem Rahmen fällt und vielleicht ... vielleicht finden wir im zweiten Band dann den Höhepunkt der Geschichte? Ich bin - trotz meiner Enttäuschung - auf jeden Fall sehr neugierig, wohin mich die Reise mit "Unsympathisch-Kvothe" noch führt. Vielleicht ist er mir ja doch ans Herz gewachsen. Aber nur ein kleines ... kleines Bisschen.





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