Montag, 7. September 2015

[Rezension] Amy Ewing: Das Juwel - Die Gabe

Das Juwel - Die Gabe (Juwel Bd. 1)

Autor: Amy Ewing
Genre: Fantasy, Dystopie, Romance
Freigabe: Jugendbuch (ab 14 Jahren)
Erschienen: August 2015
Seiten: 448
Einband: Hardcover
Verlag: FJB
ISBN: 978-3-8414-2104-3
Preis: 16,99€ / 17,50€

Rating: 

Klappentext

Prunkvolle Schlösser, schöne Kleider, rauschende Feste. Stell dir vor, du wirst aufgrund deiner Begabung für ein solchen Schwelgen im Luxus auserwählt. Du darfst im Palast der Herzogin wohnen. Aber was passiert, wenn du ihr trotz deines herausragenden Talents und deiner außergewöhnlichen Schönheit nicht geben kannst, was sie verlangt? 

Inhalt

"Violet Lasting ist etwas Besonderes. Sie kann durch bloße Vorstellungskraft Dinge verändern und wachsen lassen. Deshalb wird sie auserwählt, ein Leben im Juwel zu führen. Sie entkommt bitterer Armut und wird auf einer großen Auktion an die Herzogin vom See verkauft, um bei ihr zu wohnen. Eine faszinierende, prunkvolle Welt erwartet sie. Doch das neue Leben fordert ein großes Opfer von ihr: gegen ihren Willen und unter Einsatz all ihrer Kraft soll sie der Herzogin ein Kind schenken. Wie soll Violet in dieser Welt voller Gefahren und Palastintrigen bestehen? Als sie sich verliebt, setzt sie nicht nur ihre eigene Freiheit aufs Spiel." - Quelle: Verlag

Cover  

Im Fall von Das Juwel - Die Gabe hatte ich wirklich meine Schwierigkeiten damit, mich mit dem Cover anzufreunden. Als ich das Cover zum ersten Mal sah, konnte ich mir nicht vorstellen, dass dieses Buch meinen Geschmack treffen könnte - einzig und allein die positiven Stimmen aus der Leserschaft konnten mich davon überzeugen, dass sich das Zugreifen hier lohnt. Es ist mir einfach zu (!) rosa, zu mädchenhaft und ließ mich glauben, dass sich hinter dem Cover ein simpler, anspruchsloser Kitsch-Roman versteckt. Aber dem ist nicht so! Auch, wenn das Kleid des Mädchens, rein objektiv gesehen, wunderschön ist, sind die "falschen", deutlich fühlbaren Strasssteinchen auf dem Einband einfach zu viel des Guten. Betrachtet man die Gestalt des Covers jedoch rückblickend auf den Inhalt des Buches, hätte es wirklich kaum ein passenderes geben können. Die Farbe, die glamouröse Wirkung, das schöne Mädchen, der prunkvoll aufgeblasene Gesamteindruck sind einfach das Pars-pro-Toto für "das Juwel der Einzigen Stadt". So gesehen schwanke ich stark, wenn es um eine Bewertung gehen soll und habe mich wohl letztlich für die goldene Mitte entschieden: 3 Punkte.

Charaktere  

Violet Lasting: Zu Beginn war ich hier stark an Katniss Everdeen aus Die Tribute von Panem erinnert, denn genau wie Katniss führt Violet als sehr junges Mädchen (16 Jahre, wenn ich mich nicht irre) das Leben einer Gefangenen. Sie lebt in einer Gesellschaft, in der die Reichen und Schönen regieren und dabei die Armen zu ihrem Zuchtvieh degradieren, sich an ihrem Leid ergötzen und belustigen. Anfangs gab mir Violet das Gefühl, sie wäre eine Puppe ohne Gesicht, wie ich es noch von Katniss kannte (weshalb ich wohl nie über den 1. Band der Tribute von Panem hinausgekommen bin), die kaum in der Lage war, ihre Emotionen vernünftig zum Ausdruck zu bringen. Doch schon nach 100 Seiten wandelte sich dieser erste Eindruck und der Horror, dem Violet ausgesetzt wird, wurde auch zu meinem Horror. Auf einen Schlag prasselten all ihre Emotionen binnen kürzester Zeit auf mich ein: ihre Angst vor der Auktion, der Gewalt, die ihr angetan werden sollte, die Wut auf den Adel und die Welt, in der sie lebt, die Liebe zu ihrer besten Freundin Raven und ihrem Geliebten, die Trauer um die, die sie nicht retten konnte, der Hass auf ihre Peiniger, ... und und und. Alles wurde so real, so unglaublich nachvollziehbar, dass ich mich dem Charme des Buches und dem Charme der Violet Lasting nicht länger entziehen konnte. Ich genoss es, wie aus dem verängstigten kleinen Mädchen eine starke junge Frau heranwuchs, ohne dabei die Grenzen ihrer Menschlichkeit zu überschreiten. Violet ist nicht perfekt, sie ist wie du und ich. Ein schönes Gefühl!

Die Herzogin vom See (Pearl): Pearl ist eine absolut wunderbare Figur. Genau wie Violets beste Freundin Raven hat sie ein anmutiges, asiatisches Äußeres, besitzt dafür jedoch nicht halb so viel Herz wie diese. In einer matriarchalischen Gesellschaft wie der des Juwels hat die Herzogin früh gelernt, was es heißt, Teil des Adels zu sein, und besticht dabei mit ihrer kühlen, kalkulierenden Art und ihrem messerscharfen Verstand. Ihre Launen sind wie Zuckerbrot und Peitsche für Violet - und den Leser gleichermaßen. Doch irgendwo zwischen den Zeilen macht Pearl den Anschein, als stecke mehr als nur eine grausame Herrin hinter der eisigen Maske. Vielleicht ist sie doch auch irgendwo ein guter Mensch? Mir hat sie jedenfalls regelmäßig eine Gänsehaut beschert und jedesmal, wenn Violet sich ihr hinter ihrem Rücken widersetzte, waren meine erster Gedanke: "Was, wenn die Herzogin davon erfährt? Was wird sie Violet dann antun?"

Raven: Violets beste Freundin während ihrer Zeit in der Anstalt. Mit ihrem runden Gesicht, den Mandelaugen, kurzen Haaren und anmutiger Haltung hat sie genau meinen Nerv für asiatische Kultur getroffen (Asiatische Frauen sind einfach wunderschön!) und mit ihrer etwas schroffen, ehrlichen und besonders zynischen Art hat sie mein Herz erobert. Leider wird sie im Laufe der Handlung sehr schnell von Violet getrennt und taucht später viel zu selten - und dann nur am Rande - auf. Immer, wenn Violet ihre beste Freundin wiedersieht, scheint etwas an ihr verändert: die Erkenntnis, dass jemand sie zu brechen versucht, ist dabei nicht nur für Violet, sondern auch für den Leser schmerzlich. Um zu erfahren, was wirklich mit Raven geschehen ist, müssen wir uns wohl alle noch etwas gedulden: denn die Geschichte aus Ravens Sicht ist schon geschrieben (The House of Stone), leider jedoch noch nicht auf Deutsch verfügbar. 

Schreibstil  

Konnte mich absolut überzeugen. Anders als bei Colleen Hoovers Hope Forever, finden wir hier eine eher schlichte Sprache, die zwar nicht durch Detail, dafür aber durch Präzision besticht. Amy Ewing schafft es, mit wenigen Worten Welten zu schaffen und bescherte mir auf diese Weise nicht nur einmal eine Gänsehaut oder das Gefühl, vor Spannung nicht atmen zu können. Sie schafft es, die Schönheit des Juwels einerseits plastisch darzustellen und es auf der anderen Seite mit seiner eigenen Grausamkeit zu verderben. Ihre Charaktere sind plastisch, authentisch und haben alle Ecken und Kanten, die sie gelungen abrunden. Besonders gut haben mir die Beschreibungen gefallen, mit denen sie die Nuancen in den Gesichtern der einzelnen Menschen beschreibt, sodass man sich stets ein Bild von ihnen und ihren Emotionen machen kann. Einfach, aber stark!

Handlung  

Spannend, spannend, spannend! Auch, wenn es in den ersten Kapiteln bis zu Auktion nur schleppend voran ging, fühlte es sich im Nachhinein an, wie der langsame Anstieg einer Achterbahn, der einen anschließend unerwartet in die Tiefe reißt. Die Ereignisse überschlagen sich, führen zu Angst, Ekel, Wut und Hass, und schenken einem nur an wenigen Stellen ein Fünkchen Hoffnung, dass es für Violet doch irgendwann gut ausgehen könnte - nur um genau dieses Fünkchen anschließend wieder zu erschlagen. Aber niemals in übertriebener Form, die den Leser frustriert zurücklassen könnte. Nein, Hoffnung ist hier ein absolut treibender Faktor, der die Aufmerksamkeit des Lesers erhält und die Spannung in ungeahnte Höhen treibt. Wird sich Violet widersetzen können? Wird sie aus dieser Welt ausbrechen können? Wird sie Raven je wiedersehen? Wird sie ... schwanger? 

Gesamtwertung 

Bis auf das Cover konnte mich Das Juwel - Die Gabe in allen Punkten hunderprozentig überzeugen. Für ein Jugendbuch fand ich die Thematik der Leihmutterschaft, Gewalt und Sklaverei stark und dabei nicht zu übertrieben geschildert. 14 finde ich als Zielgruppen-Alter dafür allerdings fast zu jung. Ich weiß nicht, ob ich einfach zu zart besaitet bin, aber mich haben die Ungerechtigkeit und Grausamkeit, die im Juwel herrschen, schwer mitgenommen. Als besonders interessant empfand ich dabei Ewings dystopische Vision der zukünftigen Welt: das Meer hat alle Kontinente verschlungen und bis auf eine einzige Stadt (die ironischer Weise "die Einzige Stadt" genannt wird) alles ausgelöscht. Mithilfe unüberwindbar hoher Mauern wird die Stadt vor den Wassermassen und dem damit verbundenen Exitus geschützt. Innerhalb des äußeren Schutzwalls gibt es noch 3 weitere Mauern, die die einzelnen Teile der Stadt voneinander abgrenzen und die Stadtmitte, "das Juwel", schützend umschließen. Das bedeutet natürlich, dass, sollten die Außenmauern einbrechen, der äußere Ring, in dem die ärmsten Menschen untergebracht sind, zuerst untergehen würde. Ideen wie diese gibt es häufiger, wie - nur um ein Beispiel zu nennen - in dem Film Snowpiercer, bei dem ein fahrender Zug die letzten Menschen vor der draußen herrschenden Eiszeit schützt und die Armen zum Wohle der Reichen zuerst geopfert werden. Trotzdem schafft es Amy Ewing mit ihrem Buch bereits bekannte Elemente zu etwas völlig Neuen und Packenden zu vereinen. Mich beschleicht das Gefühl, dass dieses Buch in nicht allzu ferner Zukunft Die Tribute von Panem von seinem Thron stoßen könnte. In meinen Augen hat Amy Ewing mit ihrem Buch ein Jugendbuch-Juwel erschaffen und ich kann es kaum erwarten, den zweiten Teil endlich in meinen Händen zu halten!



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- Eure Bücherfüchsin