Sonntag, 25. Oktober 2015

[Rezension] Ava Reed: Spiegelplitter (1)

Autor: Ava Reed
Genre: Romance, Fantasy
Freigabe: Jugendbuch (ab 14 Jahren)
Erschienen: 22.10.2015
Seiten: 438
Einband: eBook
Verlag: Carlsen
ISBN: 978-3-646-60186-2
Preis: 3,99€

Rating: 



Inhalt

"Caitlin weiß nicht, was es bedeutet, sich in einem Spiegel zu sehen, denn sie erblickt nichts darin. Doch er zieht sie an, ruft sie zu sich, wo auch immer sie ist. Eines Tages steht sie dem geheimnisvollen Finn gegenüber, der eine Sehnsucht in ihr weckt, der sie nicht entkommen kann. Immer wieder begegnen sich die beiden, ohne zu wissen, was sie in Wirklichkeit verbindet. Bis Caitlins Erbe zu erwachen beginnt und sie erkennt, dass es mehr auf dieser Welt gibt, als sie ahnt ..." - Quelle: Verlag



Cover  

Dieses Cover war der Grund, wieso ich überhaupt erst auf Spiegelsplitter aufmerksam geworden bin! Die angenehm matte Farbgebung trifft nicht nur genau meinen Geschmack (ich habe eine Schwäche für jede Nuance von Blau-Grün!), sondern passt mit seiner Musterung auch sehr gut zum Titel: Während die weiße Maserung unten noch klar konturiert aussieht, lösen sich die Linien und Ränder nach oben hin in viele kleine und schmale "Splitter" auf, deren Gesamtbild damit an eine unruhige Wasseroberfläche erinnern. Es gefällt mir wirklich außerordentlich gut, wie das Cover mit der Spiegel-Optik des Titels spielt (das Wort 'Splitter' wird unter dem Wort 'Spiegel' an einer unsichtbaren Linie gespiegelt) und damit die Thematik des ganzen Buches erfasst. Das einzige, was mich ein wenig stört, ist die Kopf-über-Darstellung des Mädchens, das anscheinend Caitlin darstellen soll. Sie wirkt wie ein Fremdkörper und obwohl sie hübsch ist, finde ich sie merkwürdig verfremdet und unsauber ausgeschnitten, was die Optik ein bisschen stört. Schade!

Charaktere  

Caitlin: Rückwirkend betrachtet habe ich ein eher ambivalentes Verhältnis zu Caitlin: Zu Beginn der Geschichte fühlt sie sich eher an, wie ein unbeschriebenes Blatt. Weil ihre Mutter sie als Kind verlassen hat und ihr Vater erst vor Kurzem bei einem Autounfall ums Leben kam, lebt sie bei ihrem Kindermädchen in Irland und versucht, ihren Alltag zu bestreiten. In ihrer Freizeit hilft sie in dem Buchladen ihres guten Freundes Aidan aus, hat aber wegen ihrer 'Andersartigkeit', die immer nur betont, aber nie belegt wird, bisher noch keine Freunde in der Schule machen können. Sie ist immer zu allen freundlich und fühlt sich in ihrer Art und Weise für den Leser oft makellos zart, geradezu zerbrechlich an. Auf der anderen Seite ist sie manchmal unerwartet bissig und kopflos, was so gar nicht zu dem sonst so makellosen Bild passen will, das vorher von ihr gezeichnet wurde. Bis auf die in ihr verborgen liegenden Kräfte gibt es sonst leider nicht viel, das Caitlin ausmacht. Gerade für sie als Hauptperson hätte ich mir ein paar mehr Ecken und Kanten gewünscht, nicht nur, um mich mit ihr richtig mit ihr zu identifizieren, sondern auch, um sie als eine eigenständige, individuelle Figur wahrnehmen und liebgewinnen zu können. Sie fühlte sich austauschbar an, war mir aber auf diese Weise auch nicht unsympathisch. Ich konnte sie akzeptieren und habe ich ihre Geschichte interessiert verfolgt - leider konnte sie mich nicht berühren.

Finn: Ein unsichtbares, starkes Band verbindet Finn mit Caitlin und obwohl die beiden sich noch gar nicht kennen, fühlt er sich aus unerklärlichen Gründen stark zu ihr hingezogen. Mithilfe seiner Gestaltwandlerfähigkeiten, die in ihm fünf Tiere einschließen (Falke, Katze, Bär, Nebelparder und Wolf), jagt er magische Wesen, die sich manchmal aus dem Reich der Spiegel in unsere Welt verirren und allgemeine Ordnung bedrohen. Ich mochte Finn sehr gern. Seine freundliche, aber manchmal leicht reizbare Art haben mir das Lesen versüßt und die Art, wie er Caitlin auf Händen getragen hat, ohne dabei aufdringlich zu werden, hat nicht nur ihr Herz erobert. Leider fehlte mir, genau wie bei Caitlin, die Charaktertiefe. Schwächen, Fehler, Hobbies, Eigenheiten, Dinge, die Finn unabhängig von seiner Beziehung zu Caitlin ausmachen und definieren. Ein paar Fetzen aus der Vergangenheit, die wir durch seinen alten Freund Raphael erfahren, haben mir da leider nicht gereicht und ich hätte gern mehr von ihm erfahren. Trotzdem ich ihn und seine Innensicht sehr gern mochte, hätte ich mir einfach mehr gewünscht, als bloß seine ständige Sorge um Caitlin. 

Raphael: Ein wunderbarer, uriger Charakter, bei dem ich ständig das Gesicht von Castiel aus der US-Serie Supernatural vor Augen hatte. Genau wie dieser ist Raphael nämlich ein Engel, der allerdings in der Welt hinter den Spiegeln lebt und dort, seit einem schrecklichen Vorfall, in den Finn verwickelt war, ein eher einsames Dasein fristet. Er ist aufbrausend, flucht - trotz seines Engel-Daseins - für sein Leben gern und hat, auch wenn er es niemals zugeben würde, immernoch tiefe, brüderliche Gefühle für Finn. Ihr gegenseitiges Necken und Sticheln hat mir sehr gut gefallen, auch wenn es sich dabei eher um eine Randerscheinung handelte. Auch bei ihm hätte ich mir gewünscht, mehr über ihn, seine Beweggründe und seine Vergangenheit zu erfahren, um als Leser eine tiefere Bindung zu ihm aufzubauen.

Schreibstil  

Ava Reed hat eine schöne, ausführliche und klare Sprache, die auf unnötig lange Beschreibungen verzichtet, aber mit kurzen, präzisen Formulierungen ganze Welten vor dem inneren Auge erscheinen lassen kann. Ihr Stil liest sich gut, fühlt sich aber manchmal ein bisschen unnatürlich und holprig an: die Vergangenheitsform wirkt an manchen Stellen krampfhaft erzwungen und während sich manche Passagen sprachlich flüssig lesen lassen, wirken andere wiederum unnatürlich hochgestochen. Auch die Charaktere schwanken in ihrer direkten Rede zwischen Umgangssprache, moderner Schriftsprache und altmodischer Schriftsprache, was die Gespräche weniger authentisch, sondern eher gekünstelt wirken lässt. Auch neigt die Autorin dazu, schöne, aber eher unwichtige Szenen ausgiebig und detailliert zu beschreiben, während wichtigere Szenen, wie spannende Kämpfe, Bedrohungen oder Fluchten nur oberflächlich abzuhandeln, sodass die Spannung meistens noch viel schneller verloren geht, als sie aufgekommen ist. Auf diese Weise hat man als Leser das Gefühl, durch die Geschichte zu rasen und das Geschehene dabei nur schemenhaft zu erfassen. Die daraus entstehende Frustration wird dadurch verstärkt, dass - wie schon häufig von anderen kritisiert - die Geschichte sowohl aus Caitlins, als auch aus Finns Sicht erzählt wird und diese Sichtweisen sich nicht immer zeitlich ergänzen, wohl aber überschneiden. Mehr als einmal kommt man in den Genuss, ein und die selbe Szene jeweils aus beiden Blickwinkeln heraus erzählt zu bekommen, ohne, dass man daraus mehr Informationen hätte ziehen können. Endet beispielsweise Caitlins Kapitel an einer sehr spannenden Stelle - und man will eigentlich nur wissen wie es weitergeht -, so muss man nicht selten feststellen, dass das nächste Kapitel das gerade Gelesene aus Finns Sicht eigentlich nur wiederholt und man unglaublich viel Geduld aufbringen muss, um die nächsten Seiten nicht einfach zu überspringen, um da weiterzulesen, wo Caitlins Kapitel aufgehört hat. Das stört nicht nur den Lesefluss, sondern führt auch zu ewigen Wiederholungen, die nur selten Spaß machen. Trotzdem war es sehr interessant beide Innensichten zu kennen und ich habe es gerne verfolgt, wie sich die jeweiligen Charaktere in besonderen Situationen gefühlt haben. Es hätte sicherlich gereicht, sich bei den Wiederholungen auf ein paar sehr markante Szenen zu beschränken. 

Handlung  

Sowohl die Idee, als auch die Handlung von Spiegelsplitter hat sehr großes Potential. Die Fantasien, die Naturmagie, die Welt hinter den Spiegeln, das alles hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich hätte sehr gerne noch viel mehr über die einzelnen Hintergründe erfahren. Wie ist diese andere Welt beschaffen? Wie entstehen Fantasien genau, was macht sie aus, warum existieren sie? War Finn schon immer ein Gestaltwandler? Leider wurden viele Themen nur am Rande behandelt und der Platz, der für die Ausarbeitung dieser Details dagewesen wäre, ging leider an die Wiederholungen und das sich gegenseitige Anschmachten der beiden Hauptcharaktere verloren, die ich zwar gerne verfolgt, aber nicht gebraucht habe. Wiederholungen gab es auch bei der Handlung, denn Caitlin geht nicht nur einmal, sondern gleich zwei Mal hilflos verloren und wir beobachten zwei Mal den vor Sorge verzweifelten Finn dabei, wie er heroisch alles stehen und liegen lässt, um ihr zur Hilfe zu eilen. Ich hätte mir gewünscht, dass Caitlin hier ein bisschen mehr aus sich selbst heraus kommt, ein bisschen aktiver wird, ein bisschen mehr aktiv zur Handlung beiträgt, als sie  nur passiv über sich ergehen zu lassen. Schon allein deswegen bin ich sehr gespannt auf den zweiten Teil und darauf, ob und wie ihr Training dazu führt, dass sie stärker und selbstständiger wird, sie lernt mit ihren Kräften umzugehen und Seite an Seite mit den anderen zu kämpfen. Ich würde es mir auf jeden Fall wünschen! Ich habe die Interaktion der Charaktere untereinander auf jeden Fall sehr genossen und ich mochte die Stimmung, die in den jeweiligen Gesprächen aufkam, aber die wesentlichen, spannenden Stellen der Handlung waren einfach ein bisschen zu vorhersehbar und zu schnell vorbei. 

Gesamtwertung 

Ich finde, Spiegelsplitter ist ein gutes Buch für jeden, der gerne in Geschichten mit viel Herz und wenig Drama oder in überraschend neue Ideen eintaucht. Ich habe die Geschichte sehr gerne verfolgt und mich dabei keine Sekunde gelangweilt, nur die immer wiederkehrenden Wiederholungen der Szenen aus zwei verschiedenen Perspektiven haben meinen Lesefluss zeitweise erschwert. Für die zukünftigen Teile würde ich mir ein bisschen mehr Tiefgang und Detailreichtum wünschen, sowohl, was die Zeichnung der einzelnen Charaktere, als auch die Darstellung von Szenen und die Vertiefung der Hintergrundgeschichte angeht. Gerne würde ich mehr über die Welt hinter dem Spiegel erfahren, welche Gesetze dort herrschen, welche Wesen dort leben und wie der Alltag für die Charaktere in Zukunft aussehen soll. Vielleicht findet sich im nächsten Band dann auch etwas mehr Zeit für spannende Szenen und Kämpfe und Caitlins Entwicklung zu einer starken Frau.




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- Eure Bücherfüchsin