Donnerstag, 26. Oktober 2017

[Rezension] Melissa Basahrdoust: Girls Made of Snow and Glass


Girls Made of Snow and Glass

Autor: Melissa Bashardoust
Genre: Fantasy, Märchen, Jugendbuch
Erschienen: 05.09.2017
Seiten: 582
Einband: Taschenbuch
Verlag: Flatiron Books
ISBN978-3-426-65443-9
Preis: 10,95€ [Taschenbuch] | 11,16€ [Hardcover]



Rating: ♥♥♥♥♥



Inhalt

"Die 16-jährige Mina hat keine Mutter mehr, ihr Vater ist ein böser Magier und ihr Herz hat niemals aus Liebe für jemanden geschlagen - hat eigentlich überhaupt nie geschlagen, aber sie dachte immer, das sei normal. Nie konnte sie ahnen, dass ihr Vater ihr das Herz herausgeschnitten und durch eines aus Glas ersetzt hat. Als sie nach Whitespring Castle umzieht und den König das erste Mal erblickt, schmiedet Mina einen Plan: das Herz des Königs mit ihrer Schönheit zu gewinnen, Königin zu werden und endlich zu lernen, was es heißt, geliebt zu werden. Der einzige Nachteil ist, dass sie eine Stiefmutter werden müsste.
Die 15-jährige Lynet sieht genauso aus wie ihre verstorbene Mutter und eines Tages findet sie auch heraus, warum: Ein Magier hat sie auf Befehl ihres Vaters nach dem Abbild der Königin aus Schnee geschaffen. Doch obwohl sie wie die fleischgewordene tote Königin ist, würde Lynet lieber so sein wie ihre starke, hoheitsvolle Stiefmutter Mina. Sie bekommt ihren Wunsch erfüllt, als ihr Vater sie zu Königin über die südlichen Territorien macht, indem er Mina durch sie ersetzen lässt. Nun fängt Mina an, Lynet mit einem gewissen Hass zu betrachten, und Lynet muss entscheiden, was zu tun ist - und wer sie sein will -, um die einzige Mutter zurückzugewinnen, die sie jemals gekannt hat... oder sie ein für alle Mal besiegen.
Die verschlungenen Geschichten von Lynet und Mina in der Vergangenheit und der Zukunft, erzählen in Girls Made of Snow and Glass von der Beziehung der beiden jungen Frauen, die eigentlich von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist. Nur einer kann alles haben, während der andere alles verlieren wird - es sei denn, beide finden einen Weg, sich selbst und ihre Geschichte zu verändern."
- Laienübresetzung nach Die Bücherfüchsin; basierend auf dem englischen Original auf Amazon

Cover ♥♥♥♥♥

Das Cover von Girls Made of Snow and Glass ist wahnsinnig minimalistisch und trotzdem schaffte es, mich dazu zu bewegen das Buch in die Hand zu nehmen und schließlich ohne eine einzige Review zu kennen auch zu kaufen. Es wirkte auf mich sofort wohlproportioniert und ansprechend, ohne ein überladenes Design, ohne zu knallige Farben. Ich hatte das Gefühl, dass die Publisher hier absolut vom Inhalt des Buches überzeugt waren, sodass die riesige Ausgabe des Titels ausreichen würde, die Leser anzuziehen. Hinter dem großen Schriftzug sieht man im Hintergrund die silbrigen Silhouetten von nach oben gerichteten Eiszapfen, die der ganzen Komposition noch eine gewisse Rundung verleihen: Die Stacheln wirken einerseits gefährlich und rau, versprechen eine spannende Geschichte, andererseits bilden sie auch die Form einer Krone ab, einer eisigen Krone, von der man nicht genau weiß, ob sie erstrebenswert zu haben ist. Das Cover bringt mit wenigen Mitteln das ganze Buch auf den Punkt, sodass ich gar nicht mehr dazu sagen kann. Es braucht nicht immer ein ausgefallenes Design, um gut zu sein.

Charaktere ♥♥♥♥♥

Mina: Wir lernen Mina als eine 16-jährige, hübsche junge Frau kennen, die von ihrem grausamen alten Vater ungeliebt und klein gehalten wird. Dieses Mädchen, dass sich nach nichts anderem sehnt, als zu lieben und geliebt zu werden, leidet unter ihrem eigenen Unvermögen, selbst jemals Liebe zu erfahren. "Das einzige, wofür man dich je lieben wird, ist deine Schönheit", sagt ihr ihr Vater immer wieder und gibt ihr damit zwar keine befriedigende Lösung für ihr Problem, dafür aber einen Hoffungsschimmer. Mithilfe ihrer Schönheit versucht sie, die Gunst des Königs zu erlangen und Königin zu werden; denn eine Königin, denkt sie, wird immer vom Volk geliebt sein. Mina ist für mich eine der besten Figuren, die ich seit langem erleben durfte. Ihre Beweggründe, ihr Handeln, ihre Gedanken, ihre verquirrlten Emotionen sind psychologisch so unfassbar gut gemacht, dass man das Gefühl bekommt, sie sei real. Sie begeht Fehler, sie handelt egoistisch, sie handelt aus Angst und trotzdem ist sie dem Leser dabei die ganze Zeit verständlich und niemals unsympathisch, denn man hat nicht das Gefühl, dass sie durchweg böse ist. Mina dreht den Stereotypen der bösen Stiefmutter ganz einfach mal um, erzählt aus ihrer Perspektive eine Geschichte der Emanzipation gegen das eigene, angeblich vorgeschriebene Schicksal.

Lynet: Lynet ist die typische Jugendbuch-Heldin: Sie ist jung und schön und sie hat das Bedürfnis sich gegen das Schicksal zu wehren, das ihr Vater für sie seit ihrer Geburt vorgesehen hat: Sie ist nach dem Abbild ihrer Mutter geschaffen worden, also hat sie auch früher oder später so zu sein wie sie. Immer wieder betont er ihr gegenüber, wie "delicate" (zart) sie doch ist und sich deswegen von allem fernhalten soll, was in irgendeiner Weise gefährlich sein könnte. Doch für Lynet gibt es nichts besseres, als in Bäume zu klettern oder die Türme von Whitespring zu erklimmen, sich in möglichst gefährliche Situationen zu bringen. Sie will nicht zart sein, sie will keine Angst haben und sie will keine Königin werden. Sie will nicht wie die Mutter werden, die sie niemals kannte, sie möchte ihre eigene, furchtlose Person sein. Das, was Lynet jedoch von anderen Jugendbuch Protagonistinnen unterscheidet, ist ihr großer Mut und ihr absolut klarer Verstand. Anstatt sich von anderen Charakteren im Buch beeinflussen zu lassen und auf naive Weise allem zu glauben, was sie hört, versucht sie stets, die Wahrheit ans Licht zu bringen, durchdenkt jede mögliche Wendung, die ihr Leben auf Basis der Interessen anderer nehmen könnte, und zieht sie in Betracht. Auf diese Weise ist sie nicht das Dummchen, von dem der Leser ständig denken muss "Man, das ist doch glasklar! Denk doch mal richtig nach!", sondern sie steht mit dem Leser auf einer Stufe und wird dadurch nicht nur greifbarer, sondern auch viel leichter ein Identifikationsobjekt. Endlich eine Heldin nach meinem Geschmack! Besonders toll finde ich ihre Beziehung zu der jungen Ärztin Nadia, die stets irgendwie auch eine romantische Komponente beinhaltet. Männer sind in diesem Buch sowieso grundsätzlich eher Störfaktoren hinsichtlich der Entfaltung und des Werdegangs der beiden Hauptfiguren, die versuchen, sich von ihren Vätern zu lösen und ein eigenes, starkes Individuum zu werden. Lynet ist nicht nur eine Frau, sie ist auch von dunkler Hautfarbe, wobei letzteres nicht als Nachteil oder Vorteil für sie thematisiert wird: Sie ist einfach, wie sie ist, Hautfarbe und Geschlecht sind für sie keine Eigenschaften, die ihr Leben beeinflussen. Toll!

Schreibstil ♥♥♥♥♥

Melissa Bashardoust schreibt unglaublich gut. Sie verzichtet auf zu ausschweifende Beschreibungen der Umgebung oder der Figuren, zugunsten der Innensichten ihrer Charaktere. Wir haben es hier nicht mit einem (bzw. zwei) Icherzähler(n) zu tun, trotzdem werden die Gedanken durch erlebte Rede hautnah wiedergegeben. Besonders beeindruckend ist, wie eben bei Lynet schon erwähnt, dass die Gedanken der Frauen stets nachvollziehbar sind, zwar nicht immer die vernünftigsten, aber dafür emotional und menschlich so on-point, dass das Lesen unglaublich viel Spaß macht. Denn die Gedanken der Figuren, die Fragen, die sich stellen und die Entdeckungen, die sie machen, sind zumeist parallel zu dem, was der Leser sich über die Situationen denkt. Erst gegen Ende hin entwickelt der Leser durch die Perspektive des einen Charakters einen Wissensvorsprung beim anderen Charakter - doch dieser wird niemals frustrierend, denn diesmal besitzen die Charaktere offenbar selbst einen gesunden Menschenverstand. Generell liest sich das Buch sehr weich und flüssig - und ich muss hier nochmal betonen, dass es zurzeit NUR auf Englisch verfügbar ist! Ich hoffe aber stark darauf, dass die deutschen Verlage auf Melissas Debut aufmerksam werden, und es dann auch bald im deutschsprachigen Raum erscheint. Trotz der englischen Sprache konnte ich mit meinem Schulenglisch das Buch locker verstehen und herunterlesen, ich lege es also jedem ans Herz, der sein Englisch ein bisschen schulen möchte. Die Magie, die Melissas Sprache im Original entwickelt, wird schwer ins Deutsche zu übertragen sein.

Handlung ♥♥♥♥♥

Girls Made of Snow and Glass verwendet abwechselnd seine Kapitel, um aus der Perspektive von Mina und aus der Perspektive von Lynet zu erzählen. Minas Geschichte beginnt weit in der Vergangenheit, ungefähr zur Zeit von Lynets Geburt, und entwickelt sich gegen Ende hin zu einem parallelen Erzählstrang zu Lynets Kapiteln. Generell ist die Story relativ simpel gehalten und wenig komplex, wird dafür umso stärker von den Charakteren, ihren Gedanken, Emotionen und Handlungsmotivationen getragen. Der Fokus liegt definitiv auf der Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren Mina und Lynet, die sowohl durch Zuneigung als auch durch Hass miteinander verbunden sind. Gerade im Jugendbuchbereich habe ich selten eine Geschichte gelesen, die so auf das Miteinander zweier Frauen fokussiert war - und das auch noch so authentisch vermitteln konnte. Es geht um eine Liebe zwischen zwei Fremden, die zu Familie und dann zu Feinden werden, eine vollkommen unromantische, unerotische Liebe. Letztere kommt zwar am Rande auch vor, steht aber absolut am Rande und ist für das Weiterkommen der Story auch nicht zwangsläufig von Bedeutung. Hier geht es im Stiefmutter und Stiefkind, nicht um zwei Liebende. Alles in Allem ist die Story wenig actionreich, sondern eher gespickt mit kleinen Intrigen hier und Zwistigkeiten dort, das suchen und finden ihrer eigenen schrecklichen Geheimnisse, das klar kommen damit, dem Willen, Selbstbestimmung zu erlangen. Nichtsdestotrotz ist das Buch unglaublich spannend und ich habe es, gerade zum Ende hin, als alles eskaliert, geradezu in mich aufgesogen. Das Buch liest sich wie ein Tanz der beiden Protagonistinnen, ein brutaler Kampf, von Liebe, Leidenschaft und Hass geprägt. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gelesen.

Gesamtwertung ♥♥♥♥♥

Ich kann gar nichts anderes sagen, als dass ich einfach nur begeistert bin. Das Buch war ein Zufallsfund in der englischen Abteilung unseres örtlichen Thalia, gerade das mysteriöse, simpel gehaltene Cover hat mich auf den Inhalt wahnsinnig neugierig gemacht. Was ich bekommen habe, war ein wunderbar geschriebener Roman, der mit Emanzipation, Selbstbestimmung, Loslösen vom eigenen Schicksal und der Entdeckung, was im Leben wirklich zählt, angefüllt ist. Eine Coming-of-Age Geschichte, die mir selbst nochmals viel über mich selbst und die Beziehung zu meinen Eltern beigebrachtet hat. Eine wahnsinnig spannende, psychologisch, menschlich und emotional so stimmige Geschichte, wie ich sie seit langem nicht erleben durfte. Ich habe es geliebt, Mina zu begleiten, doch genauso habe ich es geliebt, Lynet zu begleiten. Beide sind sehr starke Frauenfiguren, die in ihrer Beziehung zueinander reifen, die lernen, was Liebe wirklich bedeutet. Ich liebe es, dass dieses Buch weggeht vom Klischeé des "Wir brauchen unseren Traumprinzen, um glücklich zu sein" hin zum "Ich kann das alles von mir selbst aus bewältigen". Einfach ganz toll.

"Girls Made of Snow and Glass" von Melissa Bashardoust ist zurzeit NUR auf Englisch verfügbar!



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- Eure Bücherfüchsin

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