Montag, 16. Oktober 2017

[Rezension] Leigh Bardugo: Das Lied der Krähen


Das Lied der Krähen (1)

Autor: Leigh Bardugo
Genre: Fantasy, Jugendbuch
Erschienen: 02.10.2017
Seiten: 582
Einband: Taschenbuch 
Verlag: Droemer Knaur
ISBN978-3-426-65443-9
Preis: 16,99€ [Taschenbuch] | 14,99€ [eBook]



Rating: ♥♥♥♥♥



Inhalt

"Ketterdam – pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten: Hier hat sich Kaz Brekker zur gerissenen und skrupellosen rechten Hand eines Bandenchefs hochgearbeitet. Als er eines Tages ein Jobangebot erhält, das ihm unermesslichen Reichtum bescheren würde, weiß Kaz zwei Dinge: Erstens wird dieses Geld den Tod seines Bruders rächen. Zweitens kann er den Job unmöglich allein erledigen … Mit fünf Gefährten, die höchst unterschiedliche Motive antreiben, macht Kaz sich auf in den Norden, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien. Die sechs Krähen sind professionell, clever, und Kaz fühlt sich jeder Herausforderung gewachsen – außer in Gegenwart der schönen Inej … " - Quelle: Verlag


Cover ♥♥♥♥♥

Seht euch dieses Cover an, habt ihr schon mal so ein schönes gesehen? Passend zum Titel "Das Lied der Krähen" erstreckt sich eine riesige Krähe über das Cover und hält dabei schützend ihre Federn über eine Stadt in den grauen Wolken. Die Schrift des Titels und des Autornamens spielen mit dem Farbkontrast Weiß zu Rot perfekt in die dunkle Farbkomposition hinein, und heben sich trotzdem gut genug ab, um den Blickfokus von der Krähe abzulenken. Selten ist mir ein Cover begegnet, dass ich mich gleich vom ersten Blick an so verzaubert hat, dass ich meine Augen nicht davon lassen wollte. Hält man das Buch als Taschenbuch in der Hand, wird man übrigens feststellen, dass die Schnittkanten der Buchseiten an den Rändern schwarz eingefärbt sind, was die Düsternis des Covers perfekt unterstützt. Hätte es bloß blanke weiße Seitenränder, wäre der Kontrast unnatürlich und das Buch würde an Mysterium verlieren. Auf diese Weise wird es tausende Menschen anlocken, die es in die Hand nehmen und seinen Inhalt ergründen wollen.

Charaktere ♥♥♥♥♥

Insgesamt haben wir es in "Das Lied der Krähen" mit 6 Protagonisten zu tun. 5 von ihnen erhalten in rotierender Reihenfolge je Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben, was sie alle gleichermaßen wichtig macht. Da es zu lang würde, alle 6 Protagonisten zu beschreiben, picke ich mir meine Lieblinge heraus (was eine verdammt schwere Wahl ist!), den Rest muss man einfach selbst erleben.

Kaz: Kaz Brekker ist eines der gefürchtetsten kriminellen Masterminds im Barrel, einer Stadt, die vor Laster, Grausamkeit und Verbrechen nur so stinkt. Gemeinsam mit dem alten Per Haskell führt er die Verbrecherbande der Dregs von einem Raubzug zum nächsten, der noch nicht begriffen hat, das Kaz inoffiziell die Führung der Bande an sich gerissen hat. Ganz nach dem Handelscredo der Stadt "Geschäft ist Geschäft", lässt er sich auf einen halsbrecherischen Handel mit einem Krämer ein: 30 Millionen Kruge für das Leben eines Wissenschaftlers, der im sichersten Gefängnis der Welt untergebracht ist. Die Aussicht auf so viel Gold treibt seine Gier an, seine Gier nach Rache, Gier danach, mehr zu haben als sein Rivale. Kaz Brekker ist für mich einer der gelungensten Charaktere, die ich seit langem begleiten durfte. Auch wenn er sich oft wesentlich erwachsener verhält, als gemäß den 18 Jahren, die er alt sein soll, ist sein Charakter scharfkantig und spitz, er hat immer einen Plan, immer ein verdrehtes Wort auf der Zunge, er ist manipulativ, er ist gefährlich, er ist brutal, aber er ist eben auch nur ... ein Junge. Allein sein Äußeres ist so ikonisch und kantig, dass es mir bei seiner Beschreibung ein Lächeln entlockte: Dunkles Haar, grüne Augen, helle Haut, filigran aber muskulös, aufgrund eines schlecht verheilten Bruchs hinkt er mit dem rechten Bein und leidet oft an Schmerzen, hat deswegen immer einen Stock mit dem Kopf einer Krähe bei sich, mit dem er auch gerne seine Kämpfe bestreitet - er zieht seine Handschuhe niemals aus, trägt stets einen dunklen Anzug mit Krawatte und einen passenden Hut. Ich kann mir diesen Jungen so scharf bildlich vorstellen, kann genau sehen, wie er filmisch umgesetzt glänzen würde: Oliver Twist nur viel dunkler. Und das schönste (und das, was ich an anderen Charakteren oft beklage) ist, dass Kaz alles andere als perfekt ist. Er ist sehr gerissen und kaum besiegbar, doch er hat Schwächen, er macht Fehler, er hat Ecken und Kanten. Er ist für mich der perfekte Antiheld, geradezu ein perfekter Protagonist. Eben weil er nicht perfekt ist.

Inej: Ausgebildet zur Seiltänzerin wurde das Sulimädchen schon als Kind Opfer von Sklavenhändlern, die sie an ein Freudenhaus verkauften. Als Kaz Inej aus ihrer Gefangenschaft freikaufte, wusste er ganz genau, welche Vorteile sie ihm bringen würde, wenn sie in seiner Schuld stand: Inej wird auch "das Phantom" genannt, weil sie sich so lautlos bewegt, dass sie jederzeit unbemerkt bleiben kann, wenn sie möchte. Insgesamt 5 Dolche trägt sie mit sich herum, denen sie jeweils einen eigenen Namen gegeben hat, sie glaubt an die Gunst der Götter und ist Kaz treu ergeben. Zu Beginn der Geschichte wirkt sie eher wie eine graue Maus, nicht im Sinne ihres Äußeren, sondern in Bezug auf ihr Abhängigkeitsverhältnis zu Kaz. Obwohl sie freigekauft wurde, ist sie es nicht - und sie scheint auch keinen Drang zu haben, wirklich frei sein zu wollen, selbst wenn sie es könnte. Sie hält sich oft im Hintergrund, schließlich ist sie eine Spionin und damit eher das Zuhören als das Sprechen gewohnt. Trotzdem ist sie geübt scharfzüngig im Umgang mit ihrem Schuldner und den Menschen, denen sie vertraut. Im Verlauf des Buches durchläuft Inej eine - so finde ich - fantastische Wandlung vom hörigen Haustier zum freien Geist. Trotzdem ist sie niemals schwach, auch wenn sie in einer gewissen Abhängigkeit lebt, im Gegenteil: Leigh Bardugo hat eine Begabung, starke Frauencharaktere umzusetzen. Sie weiß sich sehr wohl selbst zu behaupten, sowohl mündlich, als auch aktiv im Kampf, sie braucht keinen Beschützer sie hat oft ihren eigenen Kopf. Aus feministischer Sicht ist sie gerade erst dabei, sich auch gegen die männliche Welt zu behaupten, in der sie wie eine Ware durch verschiedene Hände gehen musste. Ich bin gespannt, wie sich Inej im folgenden zweiten Band weiterentwickelt.

Nina & Matthias: Nina und Matthias kann man eigentlich nur zusammen nennen, denn ihr Schicksal ist auf ewig miteinander verbunden. Nina ist eine Grisha, das bedeutet sie ist eine Magierin. Es gibt verschiedene Arten von Grisha, solche, die ein gewisses Element beherrschen, solche, die Materialien nach ihren Wünschen formen können und diejenigen, die den menschlichen Körper zum Guten oder zum Schlechten manipulieren können. Nina ist letzteres. Sie ist eine sogenannte "Entherzerin", dazu in der Lage, Körper in Schlaf zu versetzen oder schlimmeres. Matthias ist ein Drüskelle, ein Nordmann, dazu ausgebildet, Grisha zu jagen und zu vernichten. Der Hexenjäger und die Hexe, ein Bild, dass mir aus "Die dreizehnte Fee" noch allzu vertraut war, und diese beiden haben ein ähnliches Verhältnis zueinander. Nina ist eine starke Frau, sie mag zwar zu den Dregs, Kaz Bande, gehören, ist aber dennoch auf ihre Weise unabhängig, dickköpfig und lässt sich ungern etwas sagen. Sie kennt ihre Reize, aber auch ihre Schwächen. Matthias ist ein grimmiger, riesiger Nordling, der das Lachen nie so wirklich gelernt hat und der in seinem Leben von nichts anderem angetrieben wird als seinem unerschütterlichen Glauben und seinem Hass auf Nina. Das Aufeinandertreffen der beiden Hauptcharaktere ist ein Fest, fast wie ein Tanz aus Hass und Liebe, beide sind unfassbar starrsinnig und weich zugleich. Ich habe beide sehr geliebt, denn ihre Gedanken, ihre psychologischen Knicke waren so spürbar und nachvollziehbar, ihre Argumente auf beiden Seiten so verständlich, dass es von Anfang bis Ende spannend war, sie zu verfolgen.

Schreibstil ♥♥♥♥♥

Leigh Bardugo hat einen außergewöhnlichen Schreibstil. Er ist klar, detailliert und mit so viel liebe zum Wort gespickt, dass es einfach Freude macht, zu lesen. Sie zeichnet ihre Charaktere und das Geschehen so klar, fast hollywoodreif, dass es ein Leichtes ist, sich vorzustellen, wie ihre Handlung und ihre Charaktere einmal filmisch umgesetzt werden könnten. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Autorin tatsächlich im Moment in Hollywood lebt. Ich bin mir daher relativ sicher, dass ihre Bücher es früher oder später zu einer Verfilmung schaffen werden. Ihre Dialoge sind zackig, ihre Welt rund um die Grisha-Magie ist stimmig, ihre Charaktere sind einzigartig ausstaffiert und sie hat ein Feingefühl für die Charakter-Psychologie, sodass man nie das Gefühl bekommt, jemand wäre grundlos stur, grundlos böse, grundlos abhängig, etc. Und auch die Stimmung, die sie innerhalb der verschiedenen Orte und Szenen aufzubauen weiß, ist immer on-point und wunderbar vermittelt. Es braucht keinen Soundtrack beim Lesen, wenn ein Autor bzw. eine Autorin die Macht der Worte beherrscht. Alles in Allem hat mich Bardugos Stil sehr (!) an den von Fantasy-Größe Patrick Rothfuss (Der Name des Windes) erinnert, der mit hohem Detailgrad und fantasievollen Beschreibungen heute in einem Atemzug mit George Martin und Tolkien gehandelt werden kann (sollte er es endlich schaffen, den dritten Teil  seines Epos zu vollenden). Nur versteht es Bardugo mehr, alles etwas mehr auf den Punkt zu bringen und es zielgruppengemäß anzupassen.

Handlung ♥♥♥

Es fühlt sich etwas seltsam an, das Buch von vorne bis hinten zu lieben, aber mit der Handlung dennoch ein kleines Problem zu haben. Der rote Faden der Geschichte ist relativ leicht zusammengefasst. Kaz Brekker sammelt eine Mannschaft, um in ein Hochsicherheitsgefängnis einzubrechen und einen Wissenschaftler zu befreien, für den er und seine Leute 30 Millionen Kruge einstreichen wollen. Das Abenteuer wird als waghalsig und unschaffbar beschrieben, noch nie ist jemand in das Eistribunal eingebrochen und diejenigen, die es versucht haben, sind mit dem Kopf auf einem Pfahl geendet. Leider nimmt die Befreiungsaktion lediglich das letzte Drittel des Buches ein, die ersten zwei Drittel werden darauf verwendet, die Charaktere einzuführen und zusammenzutrommeln und ihre Vergangenheit häppchenweise in Rückblicken zu erzählen. Natürlich trägt das zum Detailgrad und der wunderbaren Ausstaffierung der Charaktere bei, doch das eigentliche Ziel, auf das sie hinaus wollen, gerät dabei häufig aus den Augen. Es wird zwar stellenweise spannend, sowohl in den Rückblicken als auch in der gegenwärtigen Erzählung, einen wirklichen Höhepunkt erfährt die Story erst gegen Ende der Geschichte, was sich für mich etwas zu spät anfühlte. Gern gelesen habe ich wegen des tollen Schreibstils und der tollen Charaktere, die das Fehlen einer aufbauenden Spannung ausgeglichen haben, rein handlungstechnisch halte ich es jedoch trotzdem nicht konzipiert. Sowohl die ersten als auch die letzten 50 Seiten sind reines Vor- bzw. Nachgeplänkel, die nett zu lesen sind, aber genauso gut entweder weggelassen werden oder in den Prolog des zweiten Bandes hätten übernommen werden können. Die Befreiung aus dem Eistribunal ist schon spannend, läuft für mein Gefühl aber zu reibungslos, zu verlustfrei ab. Einfach zu glatt dafür, dass das Gefängnis eine absolute Bastion sein sollte, in die noch nie eingebrochen wurde. Mir fehlte es an Schockmomenten. Ich habe immer auf einen Moment gewartet, der mich vollkommen erschüttert zurücklässt und mit diesem Antrieb das Buch verschlungen. Leider blieb der richtige Schock aus. Ich weiß allerdings nicht, ob das an meinem Game-of-Thrones-gehärteten Geist oder an der Geschichte selbst liegt.

Gesamtwertung ♥♥♥♥♥

Für einen Jugendbuch-Fantasy-Roman waren mir die Charaktere für ihr junges Alter viel zu erwachsen, für einen reinen Fantasy-Roman waren sie mir zu jung - also habe ich kurzerhand mein Zielgruppenverständnis ausgeblendet und das Buch einfach Buch sein lassen. So, wie der Buchtrailer versprochen hat, haben die sechs Verbrecher aus dem Barrel mein Herz erobert. Ich habe mit jedem einzelnen von ihnen auf meine ganz eigene Weise mitgefiebert, habe ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart in mich aufgesogen und hatte dabei immer das Gefühl, hautnah dabei zu sein, ein Teil der Gruppe zu sein. Das ist nicht nur auf die unfassbare Authentizität der Welt zurückzuführen, sondern auch auf den fantasievollen, hollywoodreifen Schreibstil der Autorin, die sich locker mit allerhand Bestsellerautoren messen kann. In dem Moment in dem die Geschichte beendet und mein Buch zugeklappt war, wusste ich, dass ich die Dregs, das Barrel, Kaz, Inej, Nina, Matthias, Jesper und Wylan vermissen würde, als hätte ich soeben meine engsten Freunde verloren. Die paar Schwächen, die der Spannungsbogen und das Erzähltempo dabei aufwiesen, konnte ich getrost hinter mir lassen, denn die Reise war so oder so eine unvergessliche, die allein durch ihre Charaktere getragen wird. Ich ziehe meinen Hut vor dem Machwerk und ich giere bereits nach dem zweiten Band, der hoffentlich ganz bald erscheint (im Englischen ist er bereits erschienen! Ich bin sooo versucht!). Rund um das Grisha-Universum der Autorin gibt es bereits ein riesiges Fandom und so auch unzählige Fanarts und Fanficitions zu den Krähen. Um eurer Fantasie nicht im Weg zu stehen, binde ich euch nur den Buchtrailer ein, der die Charaktere zwar kurz vorstellt, bei ihrer Darstellung aber relativ unkonkret bleibt. Ein Bild der Charaktere würde euch vielleicht die Freude nehmen, sie euch selbst vorzustellen. Wenn ihr damit kein Problem habt: Hier der Buchtrailer!








Vielen Dank an die

für das Rezensionsexemplar!



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