Dienstag, 3. Oktober 2017

[Rezension] Julia Mayer: Fuchsnacht - Nimm meine Hand und sieh


Fuchsnacht - nimm meine Hand und sieh

Autor: Julia Mayer
Genre: Urban Fantasy, Gay Romance, Jugendbuch
Erschienen: 27.08.2017
Seiten: 324
Einband: eBook, Taschenbuch 
Verlag: Drachenmond Verlag
ISBN978-3-570-30843-1
Preis: 14,90€ [Taschenbuch] | 4,99€ [eBook]

Rating♥♥♥

 



Inhalt

"Emil Matthei hat es im Leben nicht leicht. Sein Haar hat die Farbe von Karottensaft, er ist Besitzer einer mageren Hühnerbrust und hat sich in der Schule mit seiner Rolle als Mobbingopfer abgefunden. Daheim kümmert er sich um seinen an einer Psychose erkrankten Vater, in der ständigen Angst, zu seinem brutalen Onkel abgeschoben zu werden. Doch alles ändert sich, als Emil nach einem Unfall in der Leichenhalle wieder erwacht: Nachts ein Mensch, tagsüber ein Fuchs, nehmen ihn drei andere Fuchsdoppel unter ihre Fittiche, damit er sich nicht einer der rivalisierenden Gangs anschließen muss. Besonders zu Timon entwickelt sich eine Verbindung, die weit über Freundschaft hinausgeht, und zum ersten Mal fühlt Emil sich dazugehörig und verstanden. Doch als mehr und mehr ihresgleichen spurlos verschwinden, steht nicht nur Emils Leben, sondern auch die Zukunft aller Fuchsdoppel auf dem Spiel, und schon bald muss er eine Entscheidung treffen: Wird er weiterhin davonlaufen oder sich alten und neuen Herausforderungen stellen? " - Quelle: Verlag


Cover ♥♥♥♥♥

Ich bin ein großer Fan dieses Covers. Es ist von der selben Art wie das meiner Lieblingsreihe 'Die Dreizehnte Fee' von Julia Adrian: Die Mitte ziert der Titel mit einem aussagekräftigen Emblem, in diesem Fall der Fuchs, umrahmt von goldenen Verzierungen und mit einem Hintergrund, der vom Dunklen ins Hellere aufweicht. Es ist elegant, symmetrisch total aufeinander abgestimmt und wunderbar in Farbauswahl und Komposition. Ich kann einfach keinen Fehler an diesem Cover erkennen, nichts, was mich stören würde, es ist für mich einfach in sich rund, abgeschlossen und wunderschön. Eine Sache gibt es jedoch, die nicht unbedingt rein optisch störend wirkt: Den Untertitel des Romans 'Nimm meine Hand und sieh' finde ich nicht nur zu dick aufgetragen, sondern ich konnte auch keine Verbindung zur Geschichte erkennen.

Charaktere ♥♥♥

Emil: Ich bin relativ unentschlossen, was Emil betrifft. Einerseits ist er ein sehr guter, sehr konsequent durchgehaltener Hauptcharakter, den man mit Schwächen kennen lernt und der mit neu gewonnenen Stärken dem Ende der Geschichte entspringt. Mir persönlich war er mit 15 Jahren aber nicht nur zu jung, sondern auch - selbst wenn das für einen Jungen im Teenager-Alter möglicherweise passend sein mag - viel zu weinerlich und viel zu wenig selbstständig. Er versinkt im Laufe der Geschichte geradezu in Selbstmitleid, wird schnell weinerlich und ist eigentlich in einer Tour überfordert von allem. Nach den schrecklichen Geschehnissen, die er während des Romans erleben muss, glaubt er ein neuer Mensch zu sein, sich vollkommen verändert und an Stärke gewonnen zu haben, verfällt auf den letzten Seiten aber wieder seinem alten Muster. Hin- und hergerissen bin ich deshalb, weil diese Schwäche, diese Weinerlichkeit im Grunde Thema des Romans ist, das heißt der Hauptcharakter ist sich dessen sehr wohl bewusst und die Autorin hat es sicherlich so intendiert. In den meisten Fällen kann ich seine Schwäche auch sehr gut nachvollziehen. Aber manchmal... Manchmal wollte ich ihn einfach packen und schütteln und sagen: Jetzt reiß dich mal zusammen! 

Timon: Timon ist ein netter Charakter... aber das war's für mich leider auch schon. Zu Beginn der Geschichte wird er als grummeliger, harter Kerl eingeführt, der irgendwie geheimnisvoll und irgendwie ein bisschen sexy ist. Doch das verlor sich nach dem ersten Drittel des Buches relativ schnell wieder und er war plötzlich alles andere als hart und geheimnisvoll. Er war ein netter, sanfter Kerl ohne große Ecken und Kanten. Vernünftig, aber irgendwie noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Er wirkte für mich viel jünger als 18, ich kann nicht einmal genau sagen warum. Er drängt Emil zu nichts, er weiß selbst nicht so genau wohin oder was als nächstes zu tun ist und er hat auch keine großartigen Geheimnisse, die seine sonstige Flachheit wettmachen könnten. Während er zu Beginn noch ein kleines Aggressionsproblem zu haben scheint, ist er gegen Mitte bzw. Ende hin plötzlich sanft wie ein Lamm. Und eine große Rolle spielt er im letzten Drittel des Romans leider auch nicht mehr, was vielleicht konsequent, aber irgendwie auch schade ist.

Kara & Biggers: Die beiden Freunde von Timon - und später auch von Emil - waren auch nett. Kara ist ein sehr liebenswertes Mädchen mit einer sanften, manchmal befremdlich körperlichen Art. Sie nimmt Timon, als sie ihn kennenlernt, gleich in den Arm, streichelt seine Wange und lässt ihn bei sich im Bett schlafen. Sie hat einen guten Humor und wird anscheinend niemals richtig wütend. Erst, als sie schreckliche Sorgen hat, entfaltet sie einen sehr starken Charakter, der mich noch sehr lange berührt hat. Ihr bester Freund Biggers ist ein großer, liebenswerter Kerl, der gerne kocht. Mehr weiß man von ihm leider nicht. Die beiden spielen eine wichtige, aber dafür eine sehr nebensächliche Rolle, sodass ich leider keine richtige Beziehung zu ihnen aufbauen konnte, selbst wenn ich es wollte. Schmerz und Sorge, die der Text mir in Bezug auf die beiden also nahe bringen wollte, kamen nicht richtig an, ich blieb relativ unbeteiligt. Die Charaktere waren mir einfach alle irgendwie zu rund, zu flach und dadurch irgendwie alle nach einem Schlag stereotypisiert.

Schreibstil ♥♥♥♥♥

Ein absoluter, absoluter Pluspunkt dieses Buches ist sein wahnsinnig guter Schreibstil. Ich liebe es, mich mit dem Fluss der Sprache zu bewegen und dabei auf Formulierungen zu stoßen, die ich so sonst nirgendwo gelesen habe - und die poetisch wie grammatikalisch passend sind. Julia Mayer beherrscht die Sprache. Sie streut die schönsten Bilder in ihren Text und beschreibt selbst alltägliche Situationen so passend und beinahe lyrisch, dass das Lesen, selbst wenn ich die Charaktere etwas flach fand, zu einem absoluten Genuss wurde. Bereits auf den ersten Seiten habe ich mir so viele schöne Formulierungen auf meinem Kindle markiert, dass jetzt, nach Abschluss des Romans, mein Notizbuch fast aus den Nähten platzt. Nach Absprache mit dem Verlag darf ich sogar ein paar Zitate mit euch teilen, um euch einen Einblick in die schöne Sprache der Julia Mayer zu gewähren:
Mein blasser Körper ist im Gegensatz zu denen der anderen wie ein ewiges Vorher-Bild auf einer Bodybuilding-Webseite, wer will sich so schon zeigen. (Pos. 87)
Ich bilde mir ein, seinen Atem zu hören. Schwer und dunkel, wie ein Rennpferd in der Startbox. (Pos. 659)
[...] meine Gedanken erlahmen und treiben wie im Schlamm gefangene Insekten vor sich hin [...] (Pos. 2397)
Seine Worte wirken auf mich, als hätte ich eine Treppenstufe übersehen. (Pos. 2530) 
Ich kann die Worte nicht verstehen, aber seine Stimme klingt aufgeregt, die harten Kanten der Konsonanten knistern in meinen Ohren. (Pos. 2956)
Aber meine Wut ist nicht groß genug, meine Trauer verschluckt sie, macht mich sanft wie ein Lamm, rückgratlos wie eine Qualle. (Pos. 4145)
Wo hat die Autorin nur so wunderschön schreiben gelernt? Ich ziehe meinen Hut vor ihr und kann jedem empfehlen, einmal in ihre Texte einzutauchen.

Handlung ♥♥♥♥

Die Handlung von Fuchsnacht hat ihre guten und schlechten Seiten. Ich beginne mit den schlechten, denn sie wiegen nicht so schwer wie die guten: Der Plot wirkt ein wenig zerrupft, denn er teilt sich in drei große Teile, die alle miteinander schwere Themen behandeln, die ein eigenes Buch füllen könnten. Da wäre zunächst die Episode mit Emils krankem Vater, ein schwerwiegendes, ernstzunehmendes Thema, das einen eigenen Roman verdient hätte. Die Autorin geht unfassbar feinfühlig und treffend an die Sache ran, dass es mir jetzt noch Gänsehaut verursacht. Doch das Thema wird abgehandelt und wird dann für die restlichen zwei Drittel unwichtig, sodass ich etwas unbefriedigt blieb, weil es sich anfühlte wie ein wichtiger Erzählstrang, dann allerdings im Sande verlief (bis auf eine kurze Auflösung im letzten Kapitel). Das zweite Thema beschäftigte sich mit Emils Selbstfindung bezüglich Liebe und Sexualität. Während ich eben noch überzeugt davon war, dass es sich um einen psychologisierten Jugendroman handelte, fand ich mich plötzlich in einer feinfühligen und tiefen Liebesgeschichte wieder, die ebenso flach auslief wie das Thema Krankheit in der Familie. Die eigentliche Geschichte beginnt nämlich erst im letzten Drittel des Buches, wo wir uns plötzlich an einem Ort befinden, der stark an dystopische Romane wie Die Tribute von Panem oder Die Bestimmung erinnert, und der mit den vorherigen Teilen nur lose in Verbindung steht - und sich auch viel zu spät anbahnt, ja, den Leser geradezu überrumpelt. Dieser Teil, hätte wesentlich früher beginnen müssen, damit es sich nicht anfühlt, wie drei Romane in einem, wobei jeder einzelne für sich genommen ein wenig zu kurz kommt. Abgesehen davon war die Geschichte unfassbar gut erzählt, nicht nur sprachlich, wie oben schon genannt, sondern auch psychologisch gesehen unfassbar treffend und mitreißend. Es gibt mehrere Höhepunkte, was die Spannung betrifft, die alle von ein paar spannungsflachen Kapiteln getrennt bleiben. Es schwebt immer etwas Mysteriöses im Text mit, eine Art Suspense, die einen bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Die Geschichte überrascht einen immer wieder mit einer unverhohlenen Grausamkeit, die wie aus dem Nichts kommt und einen dann völlig aus den Socken haut - ein bisschen nach dem Gestus, den wir bei Game of Thrones so sehr lieben. Das Ende ist nicht vollkommen neuartig, kommt jedoch irgendwie doch ganz anders als man denkt und ist dabei äußerst Konsequent. Ich würde hier fast eine Warnung aussprechen, dass die Brutalität, die zum Teil beschrieben wird, nicht für zartbesaitete Leserinnen und Leser gedacht ist. Andererseits glaube ich, dass wir alle, die wir Game of Thrones oder Panem kennen, bereits mehr gewöhnt sind, als wir zugeben wollen. Etwas schade finde ich, dass die Storyline rund um die Fuchsdoppel erst so spät im Roman an Wichtigkeit und Informationen für den Leser zunimmt, man hätte dem Ganzen schon von Beginn an etwas mehr Hinweise streuen können, um eine geradlinige Steigung der Spannung zu gewährleisten.

Gesamtwertung ♥♥♥

Fuchsnacht von Julia Mayer ist harter Tobak. Es werden viele wichtige, emotionsträchtige Themen auf feinfühlige Weise behandelt, von denen die meisten im Verlauf des Plots allerdings irgendwann abflachen und fast ganz verschwinden: Mobbing, Krankheit in der Familie, häusliche Gewalt, Homosexualität, Gewalt und Kontrollverlust. Dadurch fühlte sich das Storygeflecht leider etwas collagenartig an und der wesentliche Teil der Geschichte, der um die Fuchsdoppel, die Gestaltwandler, gewann zu spät an Wichtigkeit. Auch wenn die Charaktere für meinen Geschmack etwas zu flach blieben und die Hauptperson ein paar Mal zu viele Tränen vergoss, habe ich nicht nur den atemberaubenden Schreibstil der Autorin genossen, sondern mich auch von psychologisch akkuraten und emotional sehr intensiven Geschichte nur zu gerne mitreißen lassen. Stellenweise war das Buch so spannend, dass ich es gar nicht weglegen konnte - und es überraschte mich mehr als einmal mit einer unvorhergesehenen Wendung. Die Brutalität konnte ich persönlich gut wegstecken, muss aber nochmals betonen, dass diese nicht für jedermann gemacht ist. Und dass Füchse meine Lieblingstiere sind, brauche ich wahrscheinlich nicht nochmals zu betonen...


Vielen Dank an den 
für das Rezensionsexemplar!



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