Mittwoch, 29. November 2017

[Rezension] Kristen Cicarelli: Iskari - Der Sturm naht (1)


Iskari - Der Sturm naht (1)

Autor: Kristen Ciccarelli
Genre: Fantasy, Romance, Jugendbuch
Erschienen: 02.10.2017
Seiten: 582
Einband: Hardcover
Verlag: Heyne fliegt
ISBN978-3-453-27123-4
Preis: 16,99€ [DE] | 17,50€ [A]



Rating: ♥♥♥♥



Inhalt

"Als kleines Kind lockte Asha einst Kozu herbei, den mächtigsten aller Drachen. Er gab vor, ihr Freund zu sein, doch dann flog er auf und vernichtete mit seinen mörderischen Flammen Ashas Heimatstadt. Um die unverzeihliche Schuld, die sie damit auf sich geladen hat, zu sühnen, ist sie eine Iskari geworden, eine Drachentöterin – die beste und mutigste. Doch ihre größte Prüfung steht noch bevor. Denn ihr Vater, der König, stellt ihr ein schreckliches Ultimatum. Entweder befreit sie das Land endgültig von Kozu – oder sie muss den ihr verhassten Jarek heiraten. Aber Kozu ist unbesiegbar, der Kampf mit ihm selbst für eine Iskari viel zu schwer. Doch Asha ist nicht allein, denn plötzlich stellt sich jemand an ihre Seite. Jemand, der sie noch nicht einmal ansehen dürfte: Torwin, der geheimnisvolle Sklave Jareks …" - Quelle: Verlag


Cover ♥♥♥♥

Das Cover von "Iskari - Der Sturm naht" ist unglaublich schön. Als ich das letzte Mal durch meinen Stammbuchladen schwadronierte, fiel mir dieses Buch unter all den Neuerscheinungen am meisten auf. Die schönen, vollen Lippen einer jungen Frau sind hier in geradezu erotischer Weise an ein großes, äußerst scharf aussehendes Messer gepresst. Während die gesamte Komposition in ein elegantes Grau getaucht ist, ist die Haut des Mädchens mit hübschem goldenen Staub versehen, der die selbe Farbe trägt, wie der Titel. Kennt man das Buch, wird einem schnell auffallen, wie stark das Cover die Geschehnisse des Romans widerspiegeln ohne dem unwissenden Leser das Lesevergnügen zu verderben. Mir wäre dieses Cover durchaus vier Herzen wert, hätte ich nicht das originale Cover der englischen Version gesehen. Dort trägt das Mädchen ein ganz anderes Messer an den Lippen - ein hübsches, zweischneidiges und ornamentiertes Messer, das stärker an den Orient erinnert, als das der aktuellen deutschen Ausgabe. Ich nehme an, dass man hierzulande Probleme mit dem Copyright bekam. Bedauerlicherweise hat man keinen allzu schönen Ersatz gefunden, denn dieses Messer erinnert bloß an ein langweiliges, einfarbiges Fleischermesser, wie man es in deutschen Küchen nur allzu oft findet - nicht aber an die Waffe einer orientalischen Kriegerin. Auch wenn die Komposition an sich stimmig ist, muss ich hierfür einen Punkt Abzug geben.

Charaktere ♥♥♥

Asha: Ich gebe zu - ich mochte Asha gerade zu Beginn des Buches kein Bisschen. Als Iskari hat sie in ihrem Leben eine schwere Bürde zu tragen, die sich nicht nur als Narben auf ihrer Haut, sondern auch in der Interaktion mit anderen Charakteren zu erkennen gibt. Und auch wenn ich die psychologisch gut hergeleitete Begründung für ihr kühles Verhalten und unnahbares Geplänkel gut nachvollziehen kann, ging sie mir die meiste Zeit einfach auf die Nerven. Es war einfach viel zu früh bereits abzusehen, dass sich hinter ihrer harten Schale ein viel zu weicher Kern befindet. Ich habe ihr die starke Kriegerin, die unnahbare Prizessin, einfach von Anfang an nicht abgenommen. Sie schafft es weder, Drachen zu erlegen, ohne dabei fast in Ohnmacht zu fallen, noch weiß sie sich gegen ihre männlich bestimmte Familie zu behaupten. Sie ist von Anfang bis Ende des Romans ein Spielball männlicher Interessen, schwört, die stärkste und beängstigendste Drachentöterin zu sein und kuscht dennoch vor ihrem fanatischen Verlobten, der sie für nicht viel mehr hält, als ein hübsches Stück Fleisch. Asha schafft es nicht, auf den Tisch zu hauen und sich aus eigener Kraft aus ihrer misslichen, unterdrückten Lage zu befreien - sie braucht einen (zugegebenermaßen hinreißenden) Mann dafür. Und selbst für dessen wahre Worte ist sie bis zum Schluss blind. Was ich wahnsinnig schade finde, denn in der Danksagung des Buches behauptet die Autorin, ihr Leben lang von starken Frauenfiguren in Film und Buch inspiriert worden zu sein Prinzessin Mononoke, Éowyn, Mulan, Xena... Ich erkenne keine dieser Figuren in Asha wieder. Ihre aufgesetzte Art, ihr durchdringendes Selbstmitleid und ihre leicht zu manipulierenden Gedanken waren einfach zu präsent, um in mir als Leserin irgendeine Form der Verbindung herstellen zu können, die der zu ihren geistigen Vorfahren auf irgendeine Weise gleichgekommen wäre.

Jarek: Ashas gewalttätiger und fanatischer Verlobter machte als Figur für mich wenig Sinn. Er kam mir rein instrumentalisiert vor. Er kommt mir weder besonders hell im Kopf, noch in seiner Figuren-Motivation besonders stimmig vor. Jarek ist unnötig gewalttätig und trägt eine Spur des Bösen in sich, von der niemand weiß, woher sie rührt. Er war für mich als Leser unglaublich unnahbar und nur dazu da, Spannung, Angst und Frust zu erzeugen. Ich kann nicht einmal viel zu seinem Charakter sagen, außer dass seine machohafte und machtgierige Art alles ist, was ihn ausmacht. Aber einen guten "Bösewicht" macht nicht allein seine Skrupellosigkeit und Boshaftigkeit aus - ein guter Bösewicht hat Gründe für seine Düsternis, für seinen Hass und seine Taten. Vielleicht ist er aber auch nur ein gefühlskalter Psychopath - aber um das beurteilen zu können, geht sein Charakter nicht ausreichend genug in die Tiefe. Für mich war Jarek einfach nur ein Stereotyp, der Mann, vor dem eine Jungfrau in Nöten, wie sie Asha schließlich ist, eben einfach gerettet werden will, weil sie sich selbst nicht wehren kann. Weil sie ihm nicht selbst sagen kann, dass er ein sexistischer, aufgeblasener Versager ist, der keine Macht über sie hat. Aber nein, dazu ist die ach-so-große Drachentöterin dann irgendwie doch zu feige (und das, obwohl er und sie gemeinsam aufgewachsen sind ...). Und das Schicksal, das Jarek gegen Ende des Romans widerfährt, widerspricht seiner bedrohlichen Stärke und seiner sonstigen Übermacht in jedweder Weise. Jarek ist immer nur dann schwach, wenn die Autorin einen Grund braucht, ihre Helden aus einer misslichen Lage zu befreien. Und immer dann übermächtig, wenn ihr kein anderes Mittel einfällt, um Spannung aufzubauen. Auf mich wirkte das ganze äußerst unausgeglichen.

Torwin: Der Skral Torwin hat für mich das Buch gerettet. Er stellt eine komplett andere Form der Männlichkeit dar als beispielsweise Jarek, der eiskalte, machohafte Ritter, oder Ashas Bruder Dax, der goldene, strahlende Held. Torwin ist weder besonders stark, noch besonders kampferprobt. Er ist weder machohaft noch unterdrückend, er ist nicht männlich in einem hegemonialen Sinn, sondern ein weicher, zartgliedriger, liebevoller Lautenspieler. Er näht, er singt, er musiziert, er tanzt. Er verarztet und beruhigt. Er schafft die schönsten Kleider. Und seine bevorzugte Waffe ist der Bogen, nicht das Schwert. Doch dabei bleibt Torwin doch immer männlich, strahlt eine so schützende Ruhe aus, dass man sich als Leserin gerne mal danach sehnt, in die Arme eines solchen Mannes zu fallen. Torwin muss sich nicht behaupten: Nicht in seiner Männlichkeit, nicht in seiner Macht, nicht in seiner Stärke. Alles was er sich wünscht, ist frei zu sein. Er kennt seine Schwächen und er akzeptiert sie, so wie er die Schwächen der anderen um sich herum akzeptiert. Für mich ist Torwin einer der wertvollsten Charaktere, die ich seit langem kennenlernen durfte - und ich bin der Meinung, dass die Autorin es mit ihm geschafft hat, das zu erreichen, was sie eigentlich mit Asha vorhatte zu tun: Nämlich einen Charakter zu schaffen, der die (leider noch immer allzu gängigen) Geschlechterkonventionen aufzubricht und sich selbst neu erschafft.

Schreibstil ♥♥♥♥

Kristen Cicarelli besitzt einen einfachen, zauberhaften Schreibstil. Sie schafft es, mit den wenigen Worten eines Jugendbuchs ganze Welten zu erschaffen, glaubwürdige Details zu erschaffen und Stimmungen zu transportieren, die den Leser lange nach dem Lesen nicht mehr loslassen. Die Welt und ihre uralten Geschichten sind ganz toll konzipiert und lesen sich zum Teil so authentisch wie die Märchen aus 1001 Nacht. Ihr gelingt es, eine hybride Welt zwischen westlicher und nahöstlicher Kultur so zu vereinen und neu aufzubereiten, dass sich Leserinnen und Leser beider Kulturen auf ihre weise angesprochen fühlen können. Dabei fällt die klassische Fantasy jedoch fast über die Tischkante: Die viel zu wenig detaillierte Beschreibung der Drachen, die an einigen Stellen fast in kindlichen Ton abrutscht, erinnert viel mehr an die Kuscheldrachen aus DreamWorks "Drachenzähmen leicht gemacht", als an starke, ehrfurchtgebietende, gefährliche Echsen der Lüfte. In diesem Zusammenhang sind mir auch viele Wiederholungen aufgefallen (Drachen, die den Kopf schieflegen; Drachen, die Hände anstupsen), die so wirken, als seien der Autorin nach einiger Zeit die Ideen ausgegangen. Meiner Meinung nach wurden die Textbeschreibungen den Drachen, wie sie nach den Erzählungen innerhalb des Buches eigentlich sein sollten, in keiner Weise gerecht. Im Gegenteil: Sie werden zu einfachen Tieren degradiert.

Handlung ♥♥♥♥♥

Während sich der Anfang des Romans noch etwas zieht, nimmt der Plot der Geschichte dann relativ schnell Fahrt auf. Spätestens ab der Hälfte entwickelt Iskari einen solchen erzählerischen Sog, dass man das Buch kaum noch aus der Hand legen möchte. Ein Plottwist jagt den nächsten, ein Abenteuer das andere. Und obwohl Liebe und Vertrauen eine wesentliche Rolle spielen, hatte ich nie das Gefühl, dass die sich anbahnende Liebesgeschichte das epische Geschehen beeinflusst oder hemmt - sie fügt sich wunderbar in das Plot-Gefüge ein und lässt Platz für anderes, nimmt nicht den gesamten Raum ein. Die toll inszenierte Welt und ihre Lore spielen dabei eine wesentliche Rolle in der Spannungserzeugung: Während die Geschichte der Gegenwart den roten Faden bildet, wird eie Kapitel abwechselnd von alten Geschichten über die Mythologie und die Vergangenheit durchzogen. Diese Geschichten lesen sich kurzweilig wie abgeschlossene Märchen und haben auf ihre Art immer einen direkten Impact auf das Geschehen der Gegenwart. Die dadurch erzeugte Vielschichtigkeit macht das Lesen, Eintauchen und Verbindungen knüpfen für den Leser zu einem wahren Fest. Lediglich Gegen Ende hin läuft es für die Helden des Buches ein wenig zu schnell zu glatt, die Anfangs angeführte Bedrohung scheint plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich zu sein, im Gegenteil: Sie ist sogar relativ schnell gebannt. Für das Gesamterlebnis halte ich diese Plot-Entscheidung jedoch nicht für allzu entscheidend, denn es bleibt immer noch eine große Freude, die Geschichte von Anfang bis Ende zu verfolgen.

Gesamtwertung ♥♥♥

Iskari - Der Sturm naht ist für mich ein sehr gutes Buch, das mich über viel Stunden hinweg sehr erfreut hat. Es ist wahnsinnig fantasievoll, von Anfang bis Ende spannend und vergleichsweise relativ wenig vorhersehbar. Die Emotionen, die die Autorin mit ihrer Sprache und ihrem guten Gefühl für Stimmung und Charakter-Chemie zu transportieren weiß, sind geradezu greifbar packend und halten die Leserin spielend leicht in der Geschichte. Und das, obwohl Hauptperson Asha alles andere als sympathisch geschweigedenn authentisch konzipiert ist. Ihre schwermütige, selbstmitleidbesudelte Art ist auf Dauer mindestens so anstrengend wie ihr kläglich scheiternder Versuch, eine starke weibliche Hauptfigur zu sein. Ihr männlicher Gegenpart Torwin erweist sich in dieser Hinsicht als wesentlich besser gestaltet: In ihm brechen tatsächlich einige Normen der generischen Männlichkeit auf. Auch wenn mir die Drachen und ihre Beschreibungen im Buch nur wenig gefallen haben, weil sie mich zu stark an eine für Kinder gestaltete Fluff-Version der Echsen erinnern, so war doch der Rest des Buchs flüssig, fantasievoll und spannend zu lesen. Zu einem wesentlichen Teil tragen dazu die alten Geschichten bei, die wie einzelne, für sich stehende Märchen das Buch durchziehen und immer neue Abschnitte einleiten. Für mich war Iskari eine schöne Leseerfahrung, die mir Lust auf den Orient gemacht und mich in eine bislang unbekannte Form der High Fantasy entführt hat. 



Vielen Dank an die



für das Rezensionsexemplar!



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- Eure Bücherfüchsin

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