Donnerstag, 17. März 2016

[Rezension] Kelley Armstrong: Seelennacht - Die Dunklen Mächte (2)

Seelennacht - Die Dunklen Mächte (2)

Autor: Kelley Armstrong
Genre: Jugendbuch, Dark Fantasy, Urban Fantasy
Erschienen: 2010 (Neuauflage 2013)
Seiten: 368
Einband: Hardcover
Verlag: PAN (Droemer Knaur)
ISBN978-3-426-50781-0
Preis: 8,99€ [D]

Rating: 



Inhalt

"Ich hatte recht. In Lyle House gehen tatsächlich erschreckende Dinge vor sich. Ich bin keineswegs hier, weil ich verhaltensauffällig, sondern weil ich eine Totenbeschwörerin bin. Ich kann mit den Geistern von Toten reden. Ich kann Tote auferstehen lassen. Meine Kräfte sind unberechenbar. Denn ich bin das Ergebnis eines fehlgeschlagenen genetischen Experiments. Meine Schöpfer, die Edison Group, haben Angst vor mir - und vor den anderen Jugendlichen in Lyle House. Wir sind tickende Zeitbomben. Daher haben sie beschlossen, ihr Experiment endlich zu einem Ende zu bringen. Und uns bleibt nur noch eins: um unser Leben zu rennen..." - Quelle: Verlag

Cover  

Auch hier wieder kurz anzumerken: Ich habe die alte, gebundene Auflage der Reihe gelesen und werde deswegen das alte Cover bewerten. Die neuen Ausgaben habe ich unten in diesem Post abgebildet, damit ihr euch ein Bild machen könnt!
Während das Cover des ersten Bands in ein nächtliches Blau getaucht ist, ist dieser zur farblichen Abgrezung grünlich gestaltet. Ich mag das Zusammenspiel der Farben, wenn beide Bücher nebeneinander im Regal stehen - sie harmonieren auch besonders gut mit dem dritten und letzten Band der Reihe. Tatsächlich gefällt mir das Cover von Band Zwei sogar besser, als das des ersten, die abgebildete Frau sieht weniger lethargisch, dafür aber um einiges entschlossener aus. Sie ist hübsch anzusehen und auch, wenn sie nicht so ganz zu meiner Vorstellung von Chloe passen will, was Alter und Aussehen betrifft, finde ich die Gestaltung im Gesamten sehr gut. Unten links sieht man einen nur schwach beleuchteten Gang, der an ein Krankenhaus oder eine Klinik erinnert. Diese verboten, mystische Darstellung eines der im Buch vorkommenden Schauplätze macht optisch viel her und rundet das Cover für mich schön ab. 

Charaktere  

Chloe Saunders: In meiner Rezension zum ersten Band Schattenstunde habe ich ja schon ausführlich begründet, weshalb mir Chloe als Protagonistin besonders ans Herz gewachsen ist. In Seelennacht hat sie diesen ersten Eindruck bei mir sogar noch gefestigt: Ihre Charakterentwicklung ist bemerkenswert. Vom eher langweiligen, unscheinbaren und verwöhnten Mauerblümchen entwickelt sie sich zu einer starken jungen Frau, die sagt, was sie denkt, was sie will und ihre Entscheidungen selbstständig und wohl überlegt trifft. Besonders gut gefällt mir ihre Art und Weise, ihre Probleme zu überdenken und letztlich immer den logischsten, nachvollziehbarsten Weg zu wählen. Sie ist keine von diesen Protagonistinnen, deren Hirn sich ausschaltet, wenn in ihrer Nähe ein hübscher Junge auftaucht oder die Autorin einfach nicht weiß, wie sie sonst Spannung aufbauen soll, wenn nicht über die Dummheit ihrer Charaktere. Chloe fühlt sich an wie eine eigenständige, authentische Person, mit der ich wunderbar identifizieren kann, weil sie mir das Gefühl gibt, das Abenteuer Seite an Seite mit ihr zu erleben. Toll!

Victoria Enright: Wer hätte gedacht, dass ich in meiner Rezension Victoria Enright, kurz genannt 'Tori', auch nur in einem Wort erwähnen würde? Sie ist eine Schlange, durch und durch gemein, hinterhältig, neidisch, verwöhnt und kratzbürstig und würde keine Sekunde zögern, einen von uns ans Messer zu liefern, wenn sie dadurch einen ihrer Fingernägel vor dem Abbrechen bewahren könnte. Aber wie ekelhaft Malfoy zu Harry auch sein mag, er ist kein durch und durch böser Mensch. Und das Gleiche gilt auch für Prinzessin Victoria. Auch wenn sie furchtbar nervtötend ist und es schafft, mit ihrer Starrsinnigkeit all meine Lieblingscharaktere zu gefährden, kann ich ihr doch nichts Böses an den Hals wünschen, weil ich weiß, dass in ihr ein guter Kern steckt und sie einfach unter besonderen Umständen groß geworden ist. Diese haarscharfe Linie zwischen Sympathie und blankem Hass ist unfassbar schwer zu konstruieren und ich ziehe meinen Hut vor Kelley Armstrong, dass sie es schafft, selbst den unliebsamsten Charakter für mich unentbehrlich zu machen. Ich liebe Toris dumme Sprüche, die zwar verletzend und nicht zuletzt voll von neidischem Gift sind, aber an Wortgewandtheit und Kreativität unübertroffen bleiben. Ich liebe es, wenn Tori giftig wird. Passiert mir eher selten. 

Derek Souza: Chloe hat es nicht leicht mit Derek. Denn einerseits fühlt sie sich an seiner Seite besonders wohl - was hauptsächlich freundschaftlich, zeitweise aber auch anderweitig begründet ist -, andererseits bringt er sie zur absoluten Weißglut. Derek hat die schlechte Angewohnheit, socially awkward zu sein, was bedeutet, dass er nicht richtig weiß, wie er mit anderen Menschen umgehen soll. Ständig ist er zu rau, zu unfreundlich und zu mürrisch, was ihn in den Augen anderer abstoßend macht, oder er neigt dazu, immer genau dann zu schweigen, wenn es wichtig wäre, etwas zu sagen. Vor allem aber hat er eine große Vorliebe dafür, Chloe für jeden noch so kleinen Fehler zur Schnecke zu machen, auch dann, wenn sie gar nichts dafür kann. Natürlich sorgt das für den ein oder anderen Konflikt, doch auch hier schlägt Kelley Armstrong grandioses Talent zu, einzigartige, selbstständige Charaktere erschaffen zu können: Auch Derek entwickelt sich, entfernt sich von seiner 'Einsamer-Wolf-Lebensphilosophie' und wird an den Geschehnissen stärker, offener und runder. Ich liebe Derek, denn er ist nicht der typische, perfekte und wunderhübsche Jugendbuchcharakter, den man erwartet hätte. Er ist der Junge von Nebenan, der mit einer Bürde geboren wurde, die er sich nicht aussuchen konnte. 

Schreibstil  

Kelley Armstrong ist für mich eine der begabtesten Autorinnen, wenn es um Mystery und Urban Fantasy geht. Sie schafft es, die Spannung immer auf einem angenehmen, aber anspornenden Level zu halten und sie nur zu gewissen Anlässen voll aufzudrehen, sodass man das Gefühl bekommt, das Buch nicht mehr aus der Hand legen zu können, damit einem nicht ein Detail, eine nervenaufreibende Szene durch die lappen geht. Ich liebe es, wie sie sich traut, in einem Jugendbuchroman auch mal morbide, dunkel und zum Teil auch eklig zu werden, ohne die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Schaurige Szenen, Begegnungen mit halb verwesten Leichen und Verfolgungsjagden in der Dunkelheit gehen ihr so natürlich von der Hand, dass sich selbst mir dabei die Nackenhaare aufstellen. Ihre Charaktere sind stets glaubwürdig, geben einem das Gefühl, selbst irgendwann in so eine abstruse Situation geraten zu können und lassen einen stets verständnisvoll nicken, wenn ein Charakter mit der aktuellen Situation ins Hadern kommt. Man spürt einfach, dass sie sonst Erwachsenenromane schreibt, aber das tut der Qualität ihrer Jugendbücher keinen Abbruch. Ein besonderes Highlight sind ihre zeitlose Wortwahl, die einem das Gefühl gibt, die Handlung könnte sich gleich heute in der eigenen Heimatstadt abspielen, und die wortgewandten Dialoge, mit denen sie einen mehr als einmal zum Schmunzeln bringt - oder wahlweise ein spannungsgeladenes Kribbeln in die Fingerspitzen zu zaubern. Kelley Armstrongs Schreibstil ist wunderbar, schaurig und gleichzeitig so gemütlich, dass man am liebsten gar nicht mehr daraus auftauchen möchte.

Handlung  

Für die Handlung gibt es von mir diesmal ein paar Abzüge für Seelennacht, was keinesfalls daran liegt, dass nicht genug passieren würde: Es passiert tatsächlich eine ganze Menge. Die Nerven sind stets zum Zerreißen angespannt, man vermutet hinter jeder Ecke eine Gefahr und in den meisten Fällen stellt sich diese Vermutung sogar als wahr heraus. Man bekommt kaum Zeit zum durchatmen und schon sind unsere Helden wieder mitten in einer gefährlichen Situation, die ihnen den Kopf kosten könnte. Das Problem dabei ist allerdings, dass man trotzdem das Gefühl hat, dass die Story sich trotzdem nicht weiterbewegt. Als würden wir auf der Stelle treten. Informationen über die Welt der Paranormalen, die Gründe oder Ausmaße ihrer Kräfte sind mau gesät, fast gar nicht vorhanden, denn unsere liebsten Protagonisten befinden sich die meiste Zeit des zweiten Bandes auf der Flucht, außer Stande irgendwelche Informationen einzuholen oder auch nur irgendeinen Fortschritt zu erlangen. Ich hätte mir mehr Einblicke in das Leben der Paranormalen gewünscht, vielleicht jemanden, der die Charaktere lehrt, mit ihren frisch gewonnenen Kräften umzugehen. Während des ersten Bands kamen mir tausend Fragen, von denen keine einzige in Seelennacht beantwortet werden konnte. Ich fürchte fast, der nächste und letzte Band wird zu schnell vorbei gehen, zu wenig ins Detail gehen und meine Fragen so schnell und oberflächlich beantworten, dass es mich nicht befriedigt. Wenn das der Fall ist, frage ich mich: Wofür dann überhaupt der zweite Band? Hätte man diesen Teil dann nicht einfach weglassen können, um gleich mit dem Finale weiterzumachen?

Gesamtwertung 

Mit Band Zwei der 'Die Dunklen Mächte' Reihe hat mir Kelley Armstrong mal wieder bewiesen, wie unfassbar gut sie darin ist, Charaktere zu entwerfen, die einzigartig und eigenständig sind, und eine so gruselige, nervenaufreibende Spannung aufzubauen, dass man ihre Bücher am Liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Auch in Seelennacht habe ich mich voll und ganz wie zuhause gefühlt, die Charaktere sind mir unfassbar ans Herz gewachsen und ich habe mit Freude beobachtet, wie die Charaktere sich entwickeln und an dem erstarken, was im Moment mit ihnen passiert. Leider konnten keine Fragen geklärt werden, die sich mir nach dem ersten Teil der Reihe gestellt haben, und auch die Handlung lässt eher zu wünschen übrig. Seelennacht ist zwar durchweg spannend und birgt immer wieder Szenen, die an Nervenkitzel unübertroffen sind, aber plottechnisch bewegen wir uns hier kaum weiter. Die Charaktere müssen Gefahren trotzen, lernen mit ihren Kräften umzugehen, aber zur eigenen Rahmenhandlung scheint hier nicht wirklich etwas beigetragen zu werden. Ich fürchte fast, dass Mrs. Armstrong hier Potential verspielt hat, den mittleren Band zu nutzen, um eventuell neue Charaktere oder ganze Storyelemente einzubauen. Sie hat es sich vielleicht ein bisschen zu einfach gemacht. Trotzdem ein sehr gutes Buch und ich kann es kaum erwarten, den dritten Teil zu lesen, auch wenn ich nicht will, dass diese Reihe jemals endet. Meh!


Die neuen Cover der Reihe:




Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin