Sonntag, 3. Januar 2016

[Rezension] Julia Seuschek: Feuerrot - Verlieb dich nie in deinen Mörder

Feuerrot - Verlieb dich nie in deinen Mörder

Autor: Julia Seuschek
Genre: Romatik, Historisch
Erschienen: 
Seiten: 94
Einband: eBook (auch als Taschenbuch)
Verlag: /
ASIN: B018C9EKEC
Preis: 0,99€ 

Rating: 


Inhalt

"Amelias Leben ist nicht leicht. Der Schülerin mangelt es an Selbstbewusstsein, ständig nagen Zweifel an ihr und von ihren Freundinnen wird sie ausgenutzt. Doch eines Nachts geschieht es. Amelia trifft im Wald einen merkwürdigen jungen Mann mit feuerroten Haaren, und ehe sie sich versieht, wird sie in das London des 19. Jahrhunderts katapultiert. Doch das ist nicht das einzige Mysterium. Wer ist dieser Jack mit dem roten Schopf? Was will er von ihr? Und überhaupt: Was soll Amelia in der Vergangenheit?" - Quelle: Amazon

Cover  

Feuerrot ist der Titel des Buches, feuerrot ist auch Cover. Passender könnte die Bildauswahl für das Werk also nicht sein. Dass sich hinter der Flammenwand, die den Titel so passend untermalt, auch noch eine Schrägansicht des Big Ben und einer Londoner Straßenlaterne verbirgt, habe ich tatsächlich erst auf den dritten Blick bemerkt. Tatsächlich kann ich aber zu dem Cover nicht viel sagen; es mag zwar passend sein, aber es reißt mich auch nicht besonders vom Hocker. Es ist nicht besonders schön, aber auch nicht hässlich. Dafür ist die Unruhe in der Farbgebung natürlich geradezu herausstechend, ich hätte mich allerdings eine andere Schriftart gewünscht, um zumindest den historischen Teil des Buches anzudeuten. 

Charaktere  

Amelia: So richtig warm konnte ich mit Amelia nicht werden. Von Beginn an kam sie mir blass und wenig ausgezeichnet vor, was natürlich darin begründet liegen könnte, dass sie kein Selbstbewusstsein hat, mit dem sie sich in der Schule behaupten kann. Dass sie allerdings auch keine anderen, wesentlichen Charaktereigenschaften besaß, hat mich zugegebenermaßen ein bisschen enttäuscht, denn ich hatte das Gefühl Amelia hatte nicht eine einzige Eigenheit, die sie zu einem eigenständigen, autonomen Charakter erstarken ließ. Das ist es zumindest, was ich mir von einer Protagonistin wünschen würde. Ihre Handlungen und Verhaltensweisen, gerade Jack gegenüber, kamen mir oft wirr und unbegründet vor. Mal ja, mal nein, erst Zweifel, dann - und das bereits nach wenigen Stunden - eine tiefe, tiefe Liebe ihrem 'Entführer' gegenüber, die über alle Zweifel erhaben ist und die sogar soweit geht, dass sie sich sicher ist, ohne ihn nicht mehr Leben zu können und zu wollen. Ich konnte ihr das nicht so richtig abnehmen. Hinzu kam ihr für mich eher störendes Selbstmitleid, über das sie sich auch im Verlauf der Handlung nicht wirklich hinweg entwickelte. Mir fehlte es einfach an Charaktertiefe, Charakterentwicklung, an nachvollziehbaren Emotionen und Glaubwürdigkeit.

Jack: Jack. Jack the Ripper, wie Amelia bald vermutet, als sie in der Vergangenheit von den schrecklichen Mordfällen erfährt. Ich muss sagen, er hat das wieder gut gemacht, was mir bei der weiblichen Protagonistin so schmerzlich abging. Er ist geheimnisvoll, gefährlich, wirkt erst ganz unnahbar und dann wieder überraschend zugänglich. Ich habe es geliebt, zu beobachten, wie er Amelia um den Finger wickelt, dabei aber gleichzeitig gewisse Eigenheiten offenbart, die sein Handeln unberechenbar machen. Und die den Leser zweifeln lassen, ob er nun Jack the Ripper ist oder eben nicht. Anders als die Protagonistin erweist sich Jack als ein ganz autonomer Charakter mit eigener Geschichte, eigenem Willen, eigenen Stärken, Schwächen und Geheimnissen. Auch wenn seine Gefühle für Amelia (ähnlich wie bei ihr) viel zu schnell und unglaubwürdig hervortreten und seine ewig schwülstige Sprache sich selbst für das 19. Jahrhundert too much anfühlt, hat er mir doch sehr gut gefallen und ich habe bis zum Schluss mitgefiebert und gehofft, dass Amelia sich mit ihrer Vermutung irrt. Die Vorstellung, er könnte ein Mörder sein, ist das, was seinen Reiz ausmacht und dieses Mittel hat die Autorin wunderbar genutzt. 

Schreibstil  

Julia Seuschek schreibt angenehm und flüssig. Ich mag es gern, wenn die Wortwahl bildhaft und schön ist und sich präzise Formulierungen finden lassen, die ich so noch nirgendwo gelesen habe. Es ist ihr durchweg gelungen, mich mit ihrem Wortzauber zu fangen, obwohl ich mit der Protagonistin nicht so recht einverstanden war. Andererseits hatte der Stil, in dem Feuerrot verfasst ist, auch so seine Ecken und Kanten. Ich hatte oft das Gefühl, dass etwas ausgelassen wurde oder dass ich einfach etwas überlesen habe. Manchmal kamen Informationen für die Charaktere wie selbstverständlich zur Sprache und ließen mich umso verwirrter zurück. So zum Beispiel erlebt Amelia einen eifersüchtigen Moment im Anblick einer Verflossenen Jacks, die bereits nach einem Kuss schrecklich verliebt ist. Daraufhin heißt es "denn schließlich hatte Amelia Dinge mit Jack angestellt, von denen die beiden nur träumen konnten. Die zwei waren ja kleine Mädchen, was hätte er von denen schon gehabt." (eBook, Position 1008-1009). Bis zu diesem Moment war ich mir sicher, dass das intimste, das die beiden miteinander angestellt hatten, ein Kuss war. Als Leserin zweifelte ich ganz schön an meiner Aufnahmefähigkeit - die beiden hatten Sex? Versauten Sex? Das das an irgendeiner Stelle vorher erwähnt wurde, bezweifle ich noch heute. Solche überstürzten Formulierungen häufen sich im Text, was dazu führt, dass die Glaubwürdigkeit des Romans doch ganz schön ins Wanken gerät. Das wird noch dadurch unterstützt, dass die historische Ebene, nämlich London im 19. Jahrhundert, stark vernachlässigt wird. Jacks Alltagssprache klingt aufgesetzt und wenig realistisch, während andere Charaktere, wie beispielweise Scott, sich sprachlich gar nicht so sehr von Amelia unterscheiden. Das beißt sich wiederum stark mit dem Verhalten der Figuren Amelia gegenüber, die den damals herrschenden Patriarchalismus eigentlich noch viel stärker zu spüren bekommen haben müsste. Ansonsten werden die historischen Details eher in den Hintergrund gedrängt, bis auf Sprache, Jahreszahl und Gestank in den Straßen Londons fühlt sich der Leser wenig in die Vergangenheit zurückversetzt. Die Geschichte Jack the Rippers, auf der der Roman basieren soll, wird nur unfertig angeschnitten und ohne ins Detail zu gehen verwendet, was ich sehr schade fand. Es ist immer nur von zahllosen Morden an Mädchen die Rede, die Jack begehen soll, dass es allerdings Prostituierte waren, die er (der historsche Jack the Ripper) umgebracht haben soll und wie genau er es angestellt hat, wird hier nicht großartig berücksichtigt - andernfalls hätte es vielleicht auch keinen Sinn gemacht, dass Amelia sich von Jacks Anwesenheit bedroht sieht. Ein bisschen mehr historische Recherche und historischer Tiefgang hätten einem Roman, dessen Hauptmerkmal die Zeitreise ist, nicht geschadet.

Handlung  

Die Handlung des Romans lässt sich sehr schnell auf ein paar Worte herunterbrechen: Eine wenig selbstbewusste Schülerin möchte sich von ihrem quälenden Schulalltag lossagen und weglaufen, gerät dabei irgendwie in einen Strudel der Zeit, landet im London des 19. Jahrhundert und wird dort von einem Edelmann namens Jack bei sich aufgenommen. Mehr oder weniger unfreiwillig. Schließlich läuft alles darauf hinaus zu beweisen ob Jack nun tatsächlich Jack the Ripper ist oder nicht. Dabei verliebt sich Amelia natürlich in den gut aussehenden Mann. Mein Kritikpunkt: Wie schon weiter oben angedeutet verliebt sich das Mädchen bereits nach wenigen Stunden unsterblich und die Beziehung der beiden wird für das Jahrhundert viel zu schnell körperlich (und damit meine ich nicht unbedingt im sexuellen Sinne). Informationen und Handlungsstränge wirken zusammenhangslos hinzugefügt, während sie an anderen Stellen schmerzlich fehlen. Die Charaktere handeln nicht natürlich nachvollziehbar, sondern wirken manchmal wie aus dem Kontext gerissen wütend, leidenschaftlich, liebevoll und traurig. So werden zum Beispiel Hinweise auf Jacks Mutter gestreut, dann aber nicht wieder aufgenommen. Oder es kommt zu zusammenhangslosen Rückblenden, deren Zeuge Amelia wird, und die im Endeffekt - in meinen Augen - keinen wirklich tieferen Sinn haben. Es wird sich sehr stark auf die Charaktere und ihre Beziehung zu einander konzentriert, als auf die Spannung, die mit der Aufklärung des Mordes zusammenhängt. Die Auflösung, ob Jack nun der wirkliche Jack ist, ist zwar glaubhaft, die letztliche Zwickmühle und Handlungsabläufe nach herausfinden der Wahrheit eher unglaubwürdig. Ein besonderes Kopfschütteln löste allerdings die letzte Szene bei mir aus, die das ganze zwar zu einem runden Abschluss bringen sollte, sich für mich aber irgendwie unnatürlich konstruiert anfühlte. 

Gesamtwertung 

Was Feuerrot angeht, befinde ich mich wirklich in einem Zwiespalt. Einerseits habe ich die Geschichte, getragen durch die schöne Sprache und den besonders tollen Charakter Jack, durchaus fasziniert verfolgt, andererseits wurden meine Erwartungen, gerade an den historischen Anspruch des Buches, eher enttäuscht. Ich hätte mir mehr Einblicke in den Alltag des 19. Jahrhunderts gewünscht oder zumindest Beschreibungen, die mich als Leser spüren lassen, dass ich mich gerade in einer anderen Zeit befinde. Bei der Handlung hätte ich mir weniger sprunghafte Abläufe, mehr detaillierte Informationen und glaubwürdigeres Verhalten der Charaktere gewünscht, um mich wirklich ganz auf die Geschichte einlassen zu können. Betrachtet man Feuerrot jedoch lediglich als einfache Liebesgeschichte, losgelöst von dem Anspruch, den es sich mit Themen wie Zeitreise und Jack the Ripper selbst auferlegt, kann man mit Julia Seuscheks Roman durchaus glücklich werden. 


Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin
 

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