Montag, 26. März 2018

[Rezension] Colleen Hoover / Tarryn Fisher: Never Never

Colleen Hoover & Tarryn Fisher: Never Never



Der Inhalt

Eines Tages erwachen Charlie und Silas mitten im Unterricht ohne Erinnerungen daran, wer sie sind, wie sie heißen und warum sie existieren. Sie wissen nicht einmal mehr die Namen ihrer Familienmitglieder oder ihrer Freunde - und sie wissen auch nicht, dass sie eigentlich bereits seit 4 Jahren eine Beziehung führen und sich mindestens genauso lange kennen. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach ihren Erinnerungen und der Antwort auf die Frage, wieso sie all das vergessen haben, was ihr Leben auszumachen scheint. Dabei stoßen sie nicht nur auf die erschreckenden Ereignisse, die ihre Familien entzweit haben, sondern auch auf die Dinge, die sie einander gegenseitig angetan haben...


 dtv Junior (9. März 2018) | Aus dem Amerikanischen von Kattrin Stier | 416 Seiten | ab 14 | ISBN 978-3-423-74034-0 | EUR 14,95 € [DE], EUR 15,40 € [A]

Ich will mich erinnern, wie es sich anfühlt, jemanden so zu lieben. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, Charlie zu lieben...


Zu viele Köche verderben den Brei

'Never Never' ist nicht der erste Roman, den ich von der Bestseller-Autorin gelesen habe, wohl aber der erste, den ich von ihrer Autoren-Kollegin Tarryn Fisher in die Hände bekomme. Ich muss gestehen, dass ich das Buch hauptsächlich deshalb gelesen habe, weil es ein 'neuer Hoover' ist, und ich von ihrem bisherigen Werk so absolut hingerissen bin, dass ich keinen Zweifel daran hatte, dass es mir gefallen würde - und beging damit den absoluten Anfängerfehler: Ich schraubte meine Erwartungen viel zu hoch. Nur ein winzig kleiner Teil meiner Leser-Vernunft flüsterte mir zu, dass zu viele Köche in der Regel den Brei versalzen und ich auf eine unangenehme Überraschung gefasst sein müsste.

Dabei fing es gar nicht so schlecht an: Den größten Reiz des Buches macht nämlich die Tatsache aus, dass wir als LeserInnen immer genau so viel wissen, wie die beiden Charaktere, die wir begleiten. In sich abwechselnden Kapiteln folgen wir einmal Charlie und einmal Silas bei der Suche nach ihren Erinnerungen und ihren Schwierigkeiten, sich mit einem blanken Gedächtnis durch den Schul- und Familienalltag zu kämpfen. Die Spannung, die diese Konstellation erzeugt, ist geradezu greifbar und hat mich den ersten Teil des Buches geradezu verschlingen lassen. Noch dazu liest sich Colleen Hoovers Schreibstil leicht und lebensnah: Wenn ich einen Hoover lese, bin ich immer wieder fasziniert davon, wie wahnsinnig leicht es ihr fällt, Situationskomik und Charme mit der richtigen Prise Herzklopfen zu kombinieren, sodass sich daraus Emotionen ergeben, die sich dem Leser fast greifbar präsentieren. 

Perfektion und Inkohärenz

Im ersten Teil des Buches entwickeln Charlie und Silas eine schöne Eigendynamik, die davon lebt, dass sie sich selbst durch den gegenseitigen Umgang miteinander überhaupt erst kennenlernen. Sie charakterisieren sich also selbst: Charlie, die etwas raubeinige, unantastbare, dickköpfige Leseratte, die mehr vertilgen kann, als Silas und sein Bruder Landon gemeinsam - und Silas, der gute Junge aus reichem Hause, der ein gutes Auge für schöne Fotos hat und von seinem Vater gezwungen wird, Football zu spielen. Er ist albern und fantasievoll, liebt Zweideutigkeiten und hat eine Vorliebe dafür, Charlie dazu zu bringen, über ihren Schatten zu springen. Im Grunde waren mir beide Charaktere sehr sympathisch, ich konnte ganz gut über die generischen Attribute amerikanischer Liebesgeschichten hinwegsehen, am wenigsten anfreunden konnte ich mich jedoch mit Silas übertriebener 'Perfektion' in allen Lebenslagen: Er ist nicht nur liebenswert, humorvoll und charmant, sieht toll aus und ist super sportlich (Hey, Captain des Football-Teams, obwohl er Football eigentlich gar nicht leiden kann), er weiß auch absolut immer genau, was er sagen muss, bis hin zu den absolut kitschigsten Liebesbriefen, die ich in meinem Leben jemals gelesen habe. 

"Gestern bin ich treu und brav losgelaufen, um die Chicken Nuggets zu holen, und hab mir dabei einen Großteil des Spiels entgehen lasen. [...] Und das alles nur, weil ich dich so fürchte liebe. Sieht so aus, als hättest du mich voll im Griff. Du sahst total sexy aus mit dem ganzen Hähnchenfett im Gesicht. Und wie du das Fleisch mit den Zähnen abgefetzt hast - wie eine Wilde. Mein Gott! Ich will dich auf der Stelle heiraten." (S. 222)

Cringe. Gut, Liebesbriefe gehören vermutlich zum Repertoire einer Liebesgeschichte, aber 'Never Never' ist voll davon und einer ist schlimmer, banaler und fantasieloser als der andere. Am schlimmsten ist es übrigens im zweiten, dem von Tarryn Fisher geschriebenen Teil, in dem sich die Charaktere vollkommen anders anfühlen - statt der im ersten Teil mühsam erlangten Charaktertiefe von Charlie und Silas haben wir hier plötzlich halbfertige Schablonen, die Angewohnheiten entwickeln, von denen vorher keine Rede war, und Eigenschaften verlieren, die Colleen vorher genau abgesteckt hatte: Zweideutigkeiten, schlagfertige Dialoge und humorvolle Wendungen sucht man im zweiten Teil vergeblich. Die beiden Figuren bleiben blass und haben plötzlich keinen Wiedererkennungeffekt mehr, was ich absolut schade finde. Zwei Köche verderben eben doch den Brei.

Wenn Fantastik zur Ausrede wird

Neben schnulzigen Liebesbriefen, die mich bis an die Grenze des Fremdschämens gebracht haben (Briefe eines 14-jährigen Silas, der schreibt als sei er 25 und ein ebenso selbstsicheres sexuelles Begehren zum Ausdruck bringt. Noch vor ihrem ersten Mal. Nein!), entwickelt sich die Geschichte außerhalb des Briefverkehrs nur schleppend weiter. Was am Anfang rasant und spannend beginnt verliert schon nach hundert Seiten an Drive, denn die Gedanken der Protagonisten kreisen wiederholt darum, warum sie alles vergessen haben und warum sie den anderen so toll finden - so wirklich aktiv werden sie in der Sache jedoch nicht. Und dann verlieren sie noch ein paar Mal das Gedächtnis und plötzlich geht alles wieder von vorne los. Dinge, die den Charakteren dann komplett neu vorkommen, kommen einem beim Lesen dann schrecklich wiedergekäut vor. Die Familiengeschichte, die eigentlich Schock- und Drama-Potenzial gehabt hätte bleibt eine reine Nebensache und irgendwie schrecklich langweilig, während die eigentliche Conclusio des Buches, nämlich die auf die Frage, warum sie ihr Gedächtnis verloren haben, abgehoben, schmalzig und naiv bleibt: Der Versuch, ein fantastisches Element in einen realistischen Roman einzubauen, scheitert kläglich und man kann sich eigentlich nur an den Kopf greifen, wie jemand so etwas ernst meinen kann.

Fazit

'Never Never' von Colleen Hoover will so viel auf einmal und schafft es dabei nicht, auch nur einen Bruchteil davon umzusetzen. Wir haben ein düsteres Familiengeheimnis, Konfliktpotenzial im Freundes- und Familienkreis sowie zwischen den beiden Hauptfiguren, doch nichts davon wird wirklich umgesetzt. Während wir Charlie und Silas im Schulalltag oder auf Stadtbummel begleiten, bekommen wir die eigentlichen Dramen nur indirekt über die schnulzigen Liebesbriefe mit. Es fehlt ein Höhepunkt - zwar gerät Charlie an einer Stelle im Buch sehr wohl in Gefahr, doch löst sich diese am Schluss ohne wirkliche Konsequenzen einfach in Luft auf, bevor das letzte Drittel des Buches reine Turtelei zwischen den Hauptfiguren beinhaltet. Während der Anfang des Buches wahnsinnig vielversprechend einsetzt, verliert man sich in ewigen Wiederholungen, Banalitäten und dem Übergang zwischen zwei Autorinnen, die es nicht schaffen, gemeinsam kohärente Charaktere und eine Geschichte mit einem vernünftigen Spannungsbogen zu erschaffen. Stattdessen haben wir ein Konglomerat an möglichen Plotfäden, die alle irgendwann einfach zugunsten von Schmalz und Schmant und zuleiden der Spannung fallengelassen werden. Auch das 'fantastische' Element des Gedächtnisverlustes hätte eine andere, packendere Wirkung gehabt, hätte man das Ganze fundierter und nicht so schrecklich 'random' aufgezogen. 'Never Never' ist für mich eine Ansammlung guter Ideen, die holprig, schlecht oder gar nicht umgesetzt wurden - und für mich damit nichts weiter als eine Menge verlorenes Potenzial.


Wertung

♥♥♥♥♥



Vielen herzlichen Dank an den 
dtv Verlag
für das Rezensionsexemplar!


Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin

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