Sonntag, 6. Dezember 2015

[Rezension] [Graphic Novel] Jillian Tamaki / Mariko Tamaki - Ein Sommer am See

Ein Sommer am See

Autor: Mariko Tamaki
Illustrationen: Jillian Tamaki
Kategorie: Graphic Novel
Genre: Slice of Life, Coming of Age
Erschienen: 16.07.2015
Bände: 1/1
Seiten: 320
Verlag: Reprodukt
ISBN: 978-3-95640-025-4
Preis: 29€
Rating: 

Inhalt

"Jeden Sommer verbringt Rose mit ihren Eltern die Ferien im selben Haus am See. Dort trifft sie ihre Sommerfreundin Windy. Sie ist für Rose die kleine Schwester, die sie nie hatte. Doch in diesem Sommer ist alles anders. Roses Eltern hören nicht auf, sich zu streiten, und auch zwischen Rose und Windy hat sich etwas verändert. Rose kann den kindlichen Spielen von früher nicht mehr viel abgewinnen, vielmehr beobachtet sie fasziniert und verstört zugleich die älteren Teenager, die schon erste sexuelle Erfahrungen machen.

Eine flirrend leichte Sommergeschichte über die Zeit zwischen der Kindheit und dem Erwachsenwerden – voller Geheimnisse, Sorgen und Erwartungen. Bereits “Skim”, das preisgekrönte erste Buch der kanadischen Cousinen Mariko und Jillian Tamaki, erregte 2008 Aufmerksamkeit weit über die Grenzen des Comics hinaus.
" - Quelle: Verlag


Cover  
Gestoßen bin ich auf Ein Sommer am See auf der diesjährigen Buchmesse in Wien, auf der der Reprodukt-Verlag (unter einigen anderen deutschen Comic- und Graphic Novel Verlagen) ungewöhnlich, aber erfreulich stark vertreten war. Gerade die unscheinbare Aufmachung des Covers fachte bei jedem meiner Besuche immer wieder aufs Neue meine Neugier an, das immerhin 320 Seiten schwere 'Buch' in die Hand zu nehmen und aufzuschlagen, um herauszufinden, was sich hinter diesem schlichten, aber unglaublich schönen Cover verbirgt. Schon auf den ersten Blick habe ich mich in die blaustichigen, melancholisch-düsteren Zeichnungen verliebt, die sich - angefangen beim Cover - durch die ganze Graphic Novel ziehen. Besonders die verträumte Darstellung der beiden Hauptcharaktere, Windy (nur zur Hälfte) und Rose, die sich, allein in der Abgeschiedenheit des weiten, weißen Himmels, gerade mitten im Sprung befinden, um gleich in das kühle Nass des Sees zu tauchen, spiegelt die Stimmung der Graphic Novel unerwartet gut wieder. Sehr schönes Cover!

Charaktere  

Rose: Rose befindet sich gerade in einer sehr wichtigen Phase ihres Lebens - sie steht an der Schwelle zur Pubertät. Als sie in diesem Jahr mit ihren Eltern zu ihrem alljährlichen Sommerurlaub an den See fährt, trifft sie dort ihre Freundin Windy wieder, von der sie verwundert feststellt, wie kindisch sie sich - in ihren Augen - eigentlich verhält. Beim Lesen musste ich immer wieder bewundernd feststellen, wie stark die einzelnen Stimmungen des jungen, pubertierenden Mädchens (so wie ich es selbst noch in Erinnerung hatte)  von Autorin und Illustratorin eingefangen und wiedergespiegelt wurden. Ich fühlte mich immer wieder wie in Rose hineinversetzt und wurde von der jeweiligen Stimmung angesteckt, die sie gerade empfand: war sie melancholisch-verträumt, erwischte ich mich ebenfalls dabei, war sie glücklich und tollte mit Windy herum, zauberte es mir ein Lächeln auf die Lippen. Zwar war ich mit ihren Handlungen nicht immer ganz einverstanden, aber das musste ich auch nicht sein. Rose ist ein authentischer, lebhafter Charakter, der Fehler begeht, tief im Gefühlschaos steckt und dabei Dinge sagt und tut, die wir alle nur allzu gut kennen, auch wenn wir - aus der Sicht unseres jetzigen, viel älteren Ichs - keinen Bezug mehr zu diesen, unseren, früheren Entscheidungen haben. Es ist verrückt, wie die beiden Tamaki-Cousinen einen Charakter schaffen, der genau dieses Gefühl wiederzugeben versteht. 

Windy: Bei Windy ist es in etwa das Gleiche. Anders als ihre langjährige Freundin Rose, hat sie den letzten Schritt in die Phase der Pubertät noch nicht gemacht und versteht es schon deswegen, ihr Leben leichter und mit kindlichem Irrsinn zu leben. Als Adoptivtochter einer ehemaligen Hippie-Dame mit veganem Lebensstil versteht sie es trotzdem - auf ihre eigene Weise -, was es heißt, ein Rebell zu sein. Sie lacht viel und ausgelassen, spielt gern Streiche, ist witzig und hat ein großes Mundwerk, aber ein dafür viel zu kleines Selbstbewusstsein, wie an manchen Stellen deutlich wird. Auch wenn sie gerne großspurig über 'Erwachsenenkram' redet und so tut, als wüsste sie, wovon sie spricht, und sich mit masochistischem Vergnügen immer wieder Horrorfilme ab 18 anschaut, merkt man doch gerade in solchen Momenten, dass sie für diese Themen noch längst nicht reif genug ist, auch wenn sie es gerne wäre. Gerade deswegen macht es sie rasend, dass sie das Gefühl hat, mit Rose nicht mehr, wie noch im Jahr zuvor, auf einer Wellenlänge zu sein und fühlt sich von deren Gefühls- und Gedankenwelt mehr und mehr ausgeschlossen. Während Rose fasziniert eine Gruppe Jugendlicher beobachtet, zieht sich Windy zusehends davor zurück und möchte eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun haben. Auch hier zeigt sich wieder die grandiose Beobachtungsgabe der beiden Autorinnen, die es schaffen, dem Leser die Psyche dieser beiden Mädchen so detailverliebt darzulegen. Windy war mein Highlight!

Zeichenstil  

Die Zeichnerin Jillian Tamaki, die mit ihrer Cousine gemeinsam das Projekt Ein Sommer am See vollendete, ist Nordamerikanerin mit - wie ihr Nachname sagt - japanischen Wurzeln. Vielleicht habe ich gerade deswegen so beherzt zugegriffen, als ich die Graphic Novel das erste Mal in die Finger bekam, denn mit japanischen Zeichenstilen kenne ich mich aus. Das faszinierende an diesem hier ist, dass Jillian Tamaki eine perfekte Mischung aus amerikanischem und japanischem Stil geschaffen hat, die sich in klaren, dicken Outlines, runden Gesichtern, simplen Artworks und ausdrucksstarken Gesichtern niederschlägt. Die wiedergegebenen Emotionen sind viel tiefer und realistischer, als sie ein Manga je darstellen könnte, dafür hat die japanische, schlichte Schönheit ihren ganz eigenen, faszinierenden Reiz. Ich habe mich immer wieder dabei erwischt, wie ich minutenlang ein und das selbe Bild angestarrt habe, um die Stimmung in mich aufzusaugen, die Emotionen herauszufiltern und die Schönheit der Bilder auf mich wirken zu lassen. Besonders gut gefallen mir die natürlichen Körperproportionen der Charaktere, die jedem einzelnen einzigartige Eigenschaften zuordnet: mal groß und dürr, klein und rund, klein und knochig, groß und untersetzt, kurvig, faltig, sportlich, klapprig. Es gab keine Stereotypen, keine unrealistischen, dürren, keine übertrieben schönen Charaktere. Jeder hat seine Fehler, seine Ecken und Kanten, Momente, die sie schön oder hässlich erscheinen lassen. Das, was Jillian Tamaki hier geschaffen hat, ist für mich Kunst. 

Handlung  

Wer hier eine aufregende Handlungen voller Plottwists und actiongeladenen Szenen erwartet, der ist ganz falsch. Ein Sommer am See fühlte sich für mich an wie ein Kurzurlaub in die Psyche zweier Mädchen, die noch nicht recht wissen, wie sie dem Leben begegnen sollen - und weg von Bildschirm, Medien und einer Welt voller Lügen und falscher Schönheitsideale. Wir folgen Rose in den Urlaub an den See, sehen, was sie sieht, fühlen, was sie fühlt und finden, mitten in einer Identitätskrise heraus, dass ihre Eltern nicht mehr glücklich miteinander sind. Wir spüren ihre Angst vor einer - nie ausgesprochenen - Scheidung und die Kälte, mit der ihre Mutter ihr und ihrem Vater plötzlich begegnet. Wir beobachten mit ihren Augen fasziniert, angewidert und neugierig zugleich, wie eine Gruppe Jugendlicher in Sex (ohne explizite Szenen), Alkohol und Drogen versinkt und fürchten uns vor dieser, ihrer Zukunftsvision. Der Fokus der Graphic Novel liegt hier nicht auf der Handlung, er liegt auf den Worten, der Stimmung und vor allem: auf der Entwicklung der einzelnen Charaktere und ihrer Beziehung untereinander. Ein unglaublich schönes, verträumtes Werk, dass es wert ist, immer und immer wieder in die Hand genommen zu werden - und wenn es nur ist, um in den wundervollen Zeichnungen zu versinken. 

Gesamtwertung 

Ein Sommer am See ist für mich ein absoluter Glückgriff und ein richtiger Schatz. Als ich die Graphic Novel das erste Mal sah, wusste ich nicht, ob ich mich auf ein solches Experiment einlassen wollte - weg von Büchern und klassischen Mangas, wie ich sie sonst lese, und hin zu den in simple Zeichenkunst verpackten, literarischen Geschichten. Ich muss sagen, dass ich einen Kauf noch nie weniger bereut habe als jetzt. Ein Sommer am See ist unglaublich schön und fordert den Leser mit einer unscheinbaren Intelligenz heraus, sich Stimmungen hinzugeben, Kontroversen zu überdenken und sich in die Welt eines anderen hineinzuversetzen, um ihn zu verstehen. Die noch dazu besonders ausdrucksstarken Zeichnungen von schlichter Schönheit haben mich absolut fasziniert und überzeugt, dass sich hinter dem Wort Graphic Novel eine feingliedrige Kunstform verbirgt. Einfach toll!





- Eure Bücherfüchsin
 

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