Donnerstag, 21. September 2017

[Rezension] Stefanie Lahme: Das Glück ist einen Flügelschlag entfernt - Ein Irlandroman


Das Glück ist einen Flügelschlag entfernt

Autor: Stefanie Lahme
Genre: Slice of Life. Romance, Reiseroman
Erschienen: 07.08.2017
Seiten: 378
Einband: eBook 
Verlag: Ullstein Verlag
ISBN: 978-3-570-30843-1
Preis: 8,99€ [DE] | 9,30€ [AT]

Rating♥♥♥

 


Inhalt

"Chaotin trifft Erbsenzähler. Lukas hat seinen Irlandurlaub minutiös durchgeplant, Josefine lässt sich lieber treiben. Als sie einen gemeinsamen Aufenthalt in einem Ferienhaus gewinnen, steht für beide fest, dass sie sich das Haus nicht teilen können. Auf einem Roadtrip quer durch Irland wollen sie entscheiden, wer das Ferienhaus am Ende bekommt: Wer auch immer die meisten perfekten Tage organisiert, gewinnt. Während ihrer Reise kommen sich die beiden immer näher – doch noch kennt Lukas Josefines Geheimnis nicht." - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥

Das Cover von 'Das Glück ist einen Flügelschlag entfernt' ist hübsch und nimmt, trotz der abgebildeten Charaktere, nicht zu viel von der Fantasie des Lesers weg. Dadurch, dass nur die Rücken der beiden Personen zu sehen sind, bleibt es einem selbst überlassen, die Gesichter zu den Personen zu erfinden. Als stünden wir hinter dem Liebespaar sehen wir mit ihm gemeinsam über einen irischen See hinweg hinaus aufs Meer, während einer der berühmten Puffins - Lunde, so heißen die Vögel im Deutschen - steil über sie hinweg fliegt. Es fängt die Atmosphäre des Romans wunderbar ein, denn genauso erleben wir auch die Geschichte: Wir erleben Irland mit einem Blick über die Schulter der beiden Hauptfiguren. Wir sitzen auf Klippen, sehen grüne Wiesen, Seen und das Meer und wir besuchen die Puffins an ihre Nistplätzen. Doch so passend das Cover auch sein mag, es würde mich nicht genug reizen, das Buch in die Hand zu nehmen. Es fehlt ihm, ebenso wie der Geschichte, an Spannung. Ich sehe hier das Endresultat dessen, was mich zwischen den beiden Buchdeckeln erwartet: Ein Happyend in wunderschöner Atmosphäre der irischen Landschaft - und Puffins. Ich sehe, was mich erwartet; was ich hier sehe, das bekomme ich auch. Das Cover gibt mir keinen Anlass, herausfinden zu wollen, was hinter dem Bild steht, weil es mir bereits alles verrät.

Charaktere ♥♥♥

Josefine: Josefine wird im Buchtext auf de Verlagsseite als Chaotin bezeichnet - und ich bin mir sicher, das sollte sie auch darstellen, aber leider konnte ich davon im Verlauf der Geschichte wenig spüren. Dass sie Roadtrips ohne Planung mag, muss nicht unbedingt ein Indiz dafür sein, dass sie eine Chaotin ist. Auch dass sie ihr Shampoo gerne in der Dusche vergisst oder ihre Kleidung in ihren Rucksack stopft ist für mich noch nicht Anlass genug, sie so zu nennen. Stattdessen ist Josefine eine Frau, die ganz genau weiß, was sie will, wo sie hin will und warum sie etwas tut. Sie hat einen totalen Plan vom Leben und sie ist frei. Sie ist liebenswert, hat einen tollen Humor, ist überall beliebt und trägt mit Vorliebe Dreadlocks und verrückte bzw. kunterbunte Kleider. Mir fehlte es bei ihr an Tiefe. Denn auch wenn sie ein bitteres Geheimnis mit sich herumschleppt, so schien sie dieses nur ganz selten wirklich zu beeinträchtigen. Es hätte sie in meinen Augen noch etwas menschlicher gemacht, wenn sie im Leben mit ihrer Einstellung nicht immer ganz so gut voran käme. Wenn sie mal nicht gewusst hätte, wohin, oder sich mit ihrer verplanten Art mehrmals in Schwierigkeiten begibt, die sie nicht vorher ahnen konnte. Aber so wirkte sie wie eine nette, liebe Person, die so wunderbar bodenständig ist, dass man sie liebend gern den eigenen Eltern vorstellen möchte. Nicht wie ein Chaotin, bei der alles drunter und drüber ging. Ich mochte Josefine. Ich konnte mich gut mit ihr identifizieren. Aber es steckte auch viel ungenutztes Potential in ihr.

Lukas: Anders als in Lukas - oder 'Luke Skywalker', wie Josefine ihn gerne nannte. Lukas war einfach on point. Der typische, durchgeplante deutsche Tourist, wie man ihn sich nach dem Stereotyp vorstellen würde - und wie ich ihn selbst in meiner Familie habe. Immer die Uhr dabei, immer den Tag durchplanen und immer so komfortabel wie möglich. Zu Beginn der Geschichte konnte ich ihn absolut nicht ausstehen und das war sicherlich auch so gewollt. Er ist garstig, beschwert sich viel und gibt gerne anderen Schuld an seinem Leid. Außerdem hat er keinen Humor und ist überhaupt nicht flexibel. Stimmt, neben Lukas hätte sicher jeder andere normale Mensch wie ein Chaot gewirkt. Aber ich habe seinen Charakter sehr genossen: Er ist eckig und passt nicht gern in eine Form, stattdessen zieht er lieber sein Ding durch. Ich habe etwas übrig für Protagonisten (nicht Antagonisten! Die sollen ja in der Regel unausstehlich sein!), die den Leser dazu bringen, ihn absichtlich nicht zu mögen, weil er so ist wie er ist. Das spricht von Feingefühl im Umgang mit der Charakterkonzeption und auch mit der Psychologie. Ecken und Kanten sind wichtig für einen Charakter; ich mag lieber die Schwächen eines Charakters als seine Stärken. Viel zu oft ist es mir schon passiert, dass ich einen Protagonisten nicht ausstehen konnte, weil er einfach zu perfekt - weil er einfach too much war. Aber Lukas ist ein wunderbarer Charakter und es macht Spaß, seiner Entwicklung beizuwohnen.

Schreibstil ♥♥♥♥♥

Stefanie Lahme ist für mich eine großartige Schriftstellerin. Sie besitzt ein großes Talent für Sprache und lässt es so einfach und geschmeidig erscheinen, schön aber nicht zu ausschweifend zu formulieren. Sie fängt sowohl Landschaftsbilder als auch Personencharakterisierungen so wunderbar in ihrem Text ein, dass die Dinge plastisch hervortreten und einem das Gefühl geben, hautnah dabei zu sein. Ich kenne viele unbekanntere Autoren, die mit Formulierungen und Unsicherheiten in der Sprache schwächeln und mir dadurch Spaß am Lesen nehmen, da ich einen großen Wert auf Sprache und Formulierung lege. Alles, was ich von Stefanie bislang lesen durfte, hat mich dahingehend so begeistert, dass ich mit Freuden weitergelesen habe, auch wenn es an anderen Stellen des Romans Dinge gibt, die ich zu bemängeln hatte. Die Dialoge sind schlagfertig und so treffend gewählt, das man glauben könnte, sie schreibe kein Roman, sondern ein Drehbuch. Ich würde ihr ans Herz legen, sich auch mal ans Drehbuchschreiben zuwagen! Auch wenn dadurch vielleicht einige schöne Formulierungen verloren gingen, das Talent dazu hätte sie.

Handlung ♥♥

Das bringt mich jedoch zu einem Schwachpunkt der Geschichte, der mir das Lesen an einigen Stellen etwas erschwerte. Eine Handlung ist kaum existent. Das heißt nicht, dass die Protagonisten nichts tun, denn sie tun sehr wohl etwas: Sie reisen. Und zwar durch Irland. Man muss dazu sagen, dass dies wohl der erste Reiseroman ist, den ich je in die Finger bekommen habe und es daher sehr gut sein kann, dass es für dieses Genre eben normal ist, dass viel gereist wird und dabei wenig Spannung aufkommt, aber ich kann es eben nicht mit Sicherheit sagen. Der Roman plätschert die meiste Zeit spannungstechnisch einfach so vor sich hin. Es gibt zwei oder drei spannende Szenen, die für ein paar Seiten anhalten, aber dann wieder vom Reisen, von Pubbesuchen, Dialogen und Irlandbeschreibungen abgelöst werden. Wir haben viel Zeit, die beiden Hauptfiguren gut kennen zu lernen - was wir aber noch besser kennen lernen, ist wohl Irland. Das muss man der Autorin definitiv lassen: Ich habe noch nie einen so gut und so detailliert recherchierten Roman gelesen wie diesen. Von den Strecken- und Ortsbeschreibungen über die Kultur, bis hin zu Speisen und Getränken wirkte alles so gefühlsecht, als würde die Autorin selbst aus Irland kommen. Das Problem jedoch ist, dass wenn man selbst noch nie in Irland war, einem die Freude an vielen Dingen einfach verwehrt bleibt. Man kann sich weder die Seen noch die Hügel, die Klippen, das Meer oder die Aussicht vorstellen, die die beiden Protagonisten vor sich haben. Man schmeckt nicht das Smithwicks, man hört nicht das Diddeldididdeldi der abendlichen Pubbesuche und man sieht die Puffins nicht selbst. Man bekommt zwar Lust, es zu tun, aber es befriedigt einen nicht, den Beschreibungen zu folgen, es fühlte sich fast schon frustrierend an - eben weil die Reise den Hauptteil der Geschichte ausmacht, während die Liebe und die Beziehung der Charaktere zwar da, aber nur zweitrangig bleibt. Der Fokus liegt auf Irland. Man muss es einfach selbst sehen. Dass die Liebesgeschichte und die dunklen Geheimnisse der beiden Figuren dann noch so vorhersehbar und verglichen mit anderen Liebesgeschichten seicht blieben, machte den Frust über die Klippen und Strände, die ich nicht sehen konnte, nicht viel besser.

Gesamtwertung ♥♥♥

Wenn man Irland liebt - oder einfach gerne reist - und sich von einer kleinen, netten Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines so schönen Landes wie Irland gerne den Mund wässrig machen lässt, seine eigene nächste Reise zu planen, dann könnte dieser Roman genau das richtige sein. Die Charaktere sind schön gestaltet, wenn auch mit etwas wenig Tiefgang, und sprachlich ist die Autorin einfach unfassbar gut; sie schafft es wie mit Links, den Geist des Landes in ihrem Buch einzufangen. Leider haben mir die Reisebeschreibungen zwar Lust aufs Reisen gemacht, konnten mir beim Lesen aber kaum eine Freude machen - es fehlte mir an Spannung und persönlichem Drama, es fehlte mir an Höhepunkt. Nicht nur die Entwicklung der Charaktere, auch ihr Schicksal war von Anfang an relativ schnell durchschaubar und es fühlte sich eher frustrierend an, darauf zu warten, dass die beiden sich endlich einander öffneten. Der große Konflikt am Ende wirkte für mich zu forciert und dadurch gekünstelt. Alles in allem war es aber gut zu lesen und ich war gerne mit den beiden Charakteren unterwegs. 



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- Eure Bücherfüchsin

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