Mittwoch, 3. Februar 2016

[Rezension] Anna Moffey: Nebelring - Das Lied vom Oxean (1)

Nebelring - Das Lied vom Oxean (1)

Autor: Anna Moffey
Genre: Fantasy
Erschienen: 2014
Seiten: 380
Einband: eBook (auch als Taschenbuch)
Verlag: /
ASIN: B00QMHEWWC
Preis: 0,99€ 

Rating: 

Inhalt

"Wahre stets dein Gesicht.“ Zoe Craine kennt ihren Vater nicht, obwohl sie ihn jeden Tag sieht. Er ist krank und in einem Traumzustand gefangen, aus dem heraus er seine Umgebung nicht wahrnimmt. Der Gründer der umstrittenen Organisation namens Nebelring hat ihn mit der neuen, auf Malwee-Substanz basierenden Silbermagie gefährlich vergiftet. Eine Heilung gibt es bislang nicht und doch ist es genau das, was Zoe sich ersehnt. An ihrem sechzehnten Geburtstag vertraut sie diesen Wunsch ihrer Geburtstagskerze und den Freunden ihres Vaters an und ahnt dabei nicht, dass sie sich direkt in einen Aufstand gegen den Nebelring wünscht." - Quelle: Amazon


Cover  

Absolute Liebe! Wer meinen Blog verfolgt und mich eventuell auch kennt, der weiß, wie sehr ich in Füchse und alles drumherum vernarrt bin, sodass ich an diesem Cover einfach nicht vorbeischauen konnte. Und seien wir doch mal ehrlich: Es ist ein absoluter Blickfang! Die wunderschönen Farben, die tolle Fotocollage, die magisch-mystische Stimmung der Bilder, die dezente Farbgebung der Schrift und wie sie sich in den Gesamteindruck einfügt. Ich habe absolut keine Wünsche offen bei diesem Cover - und das passiert mir dann doch eher selten! 

Charaktere  

Zoe: Zoe Craine ist eine der faszinierendsten Protagonisten, die ich jemals begleiten durfte. Klar, man könnte auf den ersten Blick meinen, sie gehöre zu diesen stereotypen Jugendbuch-Hauptfiguren: sechzehnjährige Heldinnen, die plötzlich mitten im Geschehen stehen und es auf immer gleiche Weise denken, handeln, fühlen und sprechen, bis sie sich schließlich zu einer starken und mutigen Heldin entwickeln. Ja, Zoe ist sechzehn. Ja, Zoe steht plötzlich mitten im Geschehen und weiß nicht wohin mit sich. Und ja, sie wird sicherlich irgendwann zu einer Heldin werden. Aber was sie von all diesen anderen langweiligen, wie maschinell gefertigten Heroinnen abhebt, ist ihre absolut unwiderstehliche Individualität und lebhafte, in sich vollkommen stimmige Art zu denken und zu handeln. Ihre Sorge um ihren Vater, den sie über alles liebt und dessen Wohl sie sogar über ihr eigenes stellen würde. Ihre Hilflosigkeit gegenüber den Vorfällen, mit denen sie konfrontiert wird, die ihren bisherigen Horizont übersteigen und ihr Angst machen. Ich liebe es, dass Zoe Schwächen hat, wie sie jeder von uns hat, wie sie in allem eigentlich ein vollkommen durchschnittlicher Teenager ist, nicht besonders sportlich, nicht besonders stark und schon gar nicht dafür gemacht, Auge einer Revolution zu sein. Ich war mit ihren Entscheidungen nicht immer einverstanden und manchmal, wenn sie sich über einen der anderen Charaktere gegrämt hat, fand ich ihre Reaktion vielleicht übertrieben. Andererseits vermittelte mir das auch das Gefühl, dass Zoe kein gesichtsloser, austauschbarer Sandsack, sondern ein vollkommen eigenständig denken und handelndes Subjekt ist. Sie hat Fehler, sie hat Stärken und Schwächen, sie ist - anders als etwa Katniss Everdeen aus Die Tribute von Panem - fähig zu großen, menschlichen Emotionen, die in ihrer Zeichnung so tief und verständlich waren, dass es mich einfach mitgerissen hat. Und obwohl ich Zoe nicht immer leiden konnte, besonders im Umgang mit den Freunden ihres Vaters, war ich von ihr als Figur so sehr beeindruckt, dass es mich einfach mitgerissen hat. Was für eine Leistung!

Bess: Mal abgesehen davon, dass eine Hündin, die ich kannte, Bess hieß, habe ich mich mit der Zeit richtig an den Namen gewöhnt und finde inzwischen, dass die Autorin keinen besseren hätte finden können. Bess ist das, was man als geübte Jugendbuch-Leserin sofort als die große Liebe der Protagonistin erkennt, ohne, dass man viel von ihm gelesen haben muss. Doch auch hier schafft es Anna Moffey sich gegen bestehende Stereotypen zu stemmen und ihren Charakteren einen ganz eigenen Weg aufzuzeigen: Bess ist mutig, gutmütig, wortgewandt, und auf seine Weise geheimnisvoll und frech. Klar spürt man, dass zwischen ihm und Zoe eine Verbindung besteht, ein kleiner, heißer Funken, der aber erfrischenderweise endlich mal nicht im Mittelpunkt der Handlung breitgetreten wird, sondern sich verschämt am Rande der Geschichte bewegt. So langsam, schrittweise, wie das mit der Liebe eben so kommt - besonders, wenn man ständig auf der Flucht ist. Da gibt es kein "Nach-Fünfzig-Seiten-Schon-Hals-Über-Kopf-Verliebt-Sein" und "An-Nichts-Mehr-Anderes-Denken-Können". Die beiden wachsen zusammen, ja. Sie entwickeln eine Zuneigung für einander, ja, vielleicht. Aber es geht in einem so realistischen Tempo voran, dass es dem Leser Spaß macht, im Text nach kleinen, fein gestreuten Andeutungen für eine wachsende Liebe zu suchen, anstatt sich von der Gewalt überdimensional aufgeplusterter, total übertriebener Liebesstürme erschlagen zu sehen. Ich liebe es, dass Bess nicht der große, starke, sexy Typ mit den stattlichen Muskeln, unwiderstehlichen Körper und hübschen Gesicht ist. Bess ist ... Bess. Er ist geschickt und flink und natürlich auch auf seine Weise hübsch. Aber an Bess ist nichts oberflächlich aufgebauscht oder übertrieben. Er ist eben ein Junge, dem das Leben nicht gut mitgespielt hat, und der trotzdem das Lächeln nie verlernt hat. Ich liebe Bess. Und ich ziehe meinem Hut vor ihm!

Taik: Nebelring - Das Lied vom Oxean birgt so viele tolle, individuelle Charaktere, die einfach nur zum Liebhaben sind, dass es mir schwer fällt mich für einen zu entscheiden, den ich neben Zoe und Bess noch vorstellen könnte. Taik scheint mir da eine gute Wahl zu sein, denn er ist nicht nur einer der außergewöhnlicheren, sondern auch einer der wichtigeren Charaktere. Als Geschichtensammler ist er immer schon weit gereist, hat dabei auch noch den Ruf, dass die Frauen ihm regelmäßig zu Füßen liegen und dabei auch noch eine unfassbar charmante, abgedrehte Art, mit der er Zoe im Verlauf der Ereignisse immer wieder eine Stütze ist. Dabei tun sich dem Leser immer wieder Fragen auf, die zu klären er einfach verweigert: Woher kommt er? Wieso ist er so alt und sieht trotzdem so jung aus? Und wieso hat er diese merkwürdigen Wellen-Augen, die alle um ihn herum so sehr faszinieren? Zu Beginn macht es noch den Eindruck, Taik sei ein verrückter, alter Einsiedler, den man nicht so recht ernst nehmen kann. Doch im Laufe der Zeit verändert sich dieser erste Eindruck und seine Verrücktheit, die am Anfang noch relativ im Mittelpunkt seiner Person stand, fällt plötzlich von ihm ab, wird nur noch am Rande spürbar, während er hinter den anderen Charakteren und dem Geschehen zurücktritt. Schade! Auch, wenn ich den späteren Taik genauso leiden konnte, wie den anfänglichen, hätte ich mir dennoch ein bisschen mehr von diesem verrückten Funken auch während der Flucht gewünscht, aber vielleicht wäre das dem Ernst der Lage auch nicht gerecht geworden. Alles in allem ein toller Charakter, den man einfach liebgewinnen muss!

Schreibstil  

Noch nie ist mir eine Autorin begegnet, die einen so unvergleichlichen, realistischen und zugleich melodischen Schreibstil hat! Tatsächlich hatte ich beim Lesen ständig das Gefühl, dass ich mich mitten in einem guten Film befinde. Die Beschreibungen waren so wundervoll detailliert, ohne übertrieben ausfällig zu sein und die Art und Weise, wie die Autorin es schafft, die kleinsten, dem Anschein nach unbedeutenden Momente einzufangen, um aus ihnen ein großes Ganzes zu schaffen, ist einfach faszinierend. Hier gibt es keine abgedroschenen, wiederkehrenden Phrasen, sondern ausgefallene, hinreißende Formulierungen, die von einer ganz besonderen Beobachtungsgabe der Autorin sprechen. Die Dialoge sind allesamt feinsinnig, mitreißend und zeichnen die Figuren so gut, dass jeder einzelne von ihnen schon nach wenigen Seiten als ein vollwertig ausgefeilter Charakter erscheint. Ich würde Anna Moffey ganz dringend ans Herz legen, ihr Talent unbedingt auch im Bereich Drehbuch einzusetzen - die Filme, die unter ihrer Feder entstünden, wären einfach großartig inszeniert! Ihr Schreibstil, ihre Sprache und die Art, wie sie mit wenigen Worten Spannung aufbauen kann, ohne dabei zu schnell oder zu langsam zu sein, ist einfach wahnsinnig gut. Es gibt viele Indiautoren, bei denen ich im Laufe des Lesens das Gefühl habe, dass ihre Sprache nicht angemessen ausgereift ist, um überhaupt zu veröffentlichen. Bei Anna Moffey hatte ich durchgängig das Gefühl, es mit einem ausgewachsenen Profi zu tun zu haben, die jedes Wort so gekonnt setzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Ich ziehe meinen Hut, Anna, und ich frage mich bis heute, warum die Verlage sich so ein großes Talent wie dich entgehen lassen!

Handlung  

Hier muss ich tatsächlich ein bisschen Kritik anmelden. Denn obwohl ich Nebelring - Das Lied vom Oxean von vorne bis hinten genossen habe, so hatte ich doch zu Anfang das Gefühl, dass die Story nicht so recht in Schwung kommen will. Richtig spannend und mitreißend wird es tatsächlich erst ab der Hälfte des Buches, vorher wird viel Wert darauf gelegt, die Haupt- und Nebencharaktere angemessen einzuführen, die Welt zu erklären und Beziehungen zwischen den Figuren zu zeichnen. Das ist zunächst natürlich nichts schlechtes und ich habe von Beginn an jede Zeile in mich aufgesogen, doch ich kann mir vorstellen, dass es dort draußen Leserinnen und Leser gibt, die sich von zu vielen Namen und zu vielen internen Zusammenhängen abschrecken lassen und so die Chance verpassen, tief in eine der - für mich! - vielversprechendsten Fantasygeschichten seit Langem einzutauchen. Die eigentliche Handlung, bei der tatsächlich auch Plot technisch etwas voran geht, fällt dadurch etwas kurz, aber dadurch nicht weniger spannend aus. Es gibt überraschend wenige Klischees, einzigartige Charaktere, faszinierende, neue Ideen und eine spannungsgeladene Szene nach der anderen, sodass man gegen Ende hin kaum dazu kommt, richtig durchzuatmen, weil man vor Anspannung die Luft anhalten muss. Die Handlungen der Charaktere sind immer nachvollziehbar und realitätsnah, was den Leser nochmals tiefer in das Geschehen reißt, als vollkommen übertriebene, aus der Luft gegriffene Cyberschlachten. Wer sich also von der relativ langen Einführungsphase des Romans nicht abschrecken lässt und sich gerne in einer ganz eigenen, charmanten Welt verliert, der kann hier beherzt zugreifen!

Gesamtwertung 

Nebelring - Das Lied vom Oxean hat mich von vorne bis hinten durchweg überzeugt. Autorin Anna Moffey hat ein unfassbar großes Talent für die Zeichnung ganz individuell eigenständiger Charaktere und ein tolles Gefühl für Sprache, sodass ich mich von der ersten Seite an wie in einen großartig inszenierten Fantasy-Film versetzt vorgekommen bin. Tolle Dialoge, tolle Charaktere, tolle Handlung, tolle, neue Ideen und gleichzeitig das Fehlen von unrealistischen Klischees hat mich nach dem Lesen fasziniert und begeistert zugleich zurückgelassen. Ein kleines Manko für ungeduldige Leser könnte es sein, dass sich der erste Teil des Buches vergleichsweise zieht, da hier die Einführung vieler einzigartiger Charaktere und einer faszinierenden, neuen Weltordnung passiert; erst ab der zweiten Hälfte stürzt sich die Handlung in eine Berg- und Talbahnfahrt der Spannung, die einen vollkommen mitreißt. Mich hat die Länge zu Beginn nicht gestört, denn ich war viel zu getragen von den bunten Bildern, die die Autorin mit ihrer farbigen, fantasievollen und nicht einen Moment langweiligen Sprache herbeizuzaubern weiß. Absolut filmreif in Sprache, Stil und Komposition! Ich bin absolut begeistert und ich freue mich schon wie wild auf den zweiten Teil! Mehr davon!


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- Eure Bücherfüchsin
 

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